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bey denn freylich mancher neuere Dichter, der einer glücklicheren Anlage und einer strengeren Beachtung der Form, sich erfreuen durfte, unbeachtet blieb, und verkannt wurde.

Da dieser Zustand, welcher zur Zeitgeschichte gehört, einen eben so mächtigen als nachtheiligen Einfluß auf die redende Kunst ausgeübt hat, so wäre schon die Frage einer näheren Erörterung nicht unwerth, ob die ungezügelte Schreibelust dem Bestehen der zahlreichen Zeitschriften und Taschenbücher, in welchen der poetische Geist quartaliter zerseßt und zuleßt in Nichts aufgelöst wird, ihr Entstehen verdanke? oder ob jener ungezügelte Drang die elenden Institute ins Leben gerufen habe, welche die Schwäche und den Irrthum der Zeit zu ihren pekuniären Vortheilen zu verwenden und zu benüßen wußten? Fast sollte man der ersteren Meinung seyn, wenn man auf die vergangene Zeit zurückblickt, in der jener unglückselige Ueberfluß der Magazine unreifer Früchte nicht vorhanden war, wobey die Producenten wenigstens keine Gelegenheit hatten, sie vor die Augen des Publikums zu bringen. Die Theilnahme an den Erzeugnissen der Musen war allgemeiner und wärmer als jest, wo mehr gelesen, aber auch das Gelesene weniger beachtet wird. Früher genoß jedes Buch schon als solches eine Gattung Ansehens, weil man überzeugt seyn konnte, daß selten eines ganz und gar zu verwerfen war. Nun, wo der zehnte Mann im Lande ein Schriftsteller ist, hat sich der Stand der Dinge geändert, die Schwäche geht mit der Parteylichkeit Hand in Hand, durch die Menge der Erzeugnisse, mehr noch durch den Tadel des Guten und die Lobhudeleyen des Alltäglichen wird das Urtheil des Lesepublikums verwirrt, und man betrachtet ein Buch höchstens als Mittel, eine augenblickliche Neugierde zu befriedigen.

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Besonders die lyrische Poesie ist übel daran. Sie, von der alle andern Dichtungsarten ausgingen, droht gegenwärtig alles, was sie in früherer Zeit erzeugte, nach und nach zu vernichten. Kaum vermag die Vortrefflichkeit der Leistungen einzelner Meister neuerer Zeit, eines Rückert, Uhland, Kind, Houwald, Schwab, das hereinbrechende Verderben zurückzuhalten. Auf die erhabenste Art der Lyrik, die Ode, wird fast gar keine Aufmerksamkeit gewendet. Wie wenig Bedeutendes ist seit Klopstock und seiner Zeit dafür geschehen! Man geht dem Lyrischen nicht nur aus dem Wege, wenn es in Sammlungen auftritt, sondern selbst dann, wenn es als schickliche Beymischung im Epischen oder Dramatischen erscheint, und nicht etwa aus dem Grunde, weil man es, als die Handlung in ihrem Gange hindernd betrachtet, sondern weil man davon übersättigt und die Handlung mit der Begebenheit verwechselnd, nur einen raschen, dem Sinne gefälligen Wechsel der Ereignisse

begehrt. Der Grund jenes Ekels ist leicht begreiflich. Wenn das lyrische Gedicht, welches sich Ausdruck der Empfindungen zum ersten Zweck und den der Gedanken zum entferntern vorfeßt, auf Gefallen der Kenner Anspruch machen soll, so kann der Gesammtzweck nur dann erreicht werden, wenn Empfindung_und Gedanken durch Innigkeit, Wahrheit, Erhabenheit oder Tiefe sich auszeichnen, und die Sprache im genauesten Einklange damit steht. Bey keiner andern Dichtungsart ist die Feile in Rücksicht der leztern so nothwendig, wie bey der lyrischen, denn der geringere Umfang läßt die Entschuldigungen nicht zu, welche in dieser Rücksicht bey größeren Werken eintreten mögen. Etwas ist hier so gut wie nichts, und nur viel ist etwas. Jeder Mensch hat Empfindungen oder Gedanken, die sich zuweilen über das Gewöhnliche erheben, der Ausdruck derselben kann Niemanden besonders interessiren, um so weniger wenn es in mittelmäßigen Versen geschieht. Im lyrischen Gedichte pflegt der Poet sein Inneres nach Außen zu kehren; wenn wir daran Gefallen finden sollen, muß dies Innere von Bedeutung seyn. Bey den großen Erfordernissen, welche lyrische Gedichte erfüllen sollen, ist es daher auch schlechterdings unmöglich, daß man sie in den Jahren, welche der Bildung und der Vorbereitung angehören, bändeweise erscheinen läßt. Ein so läppisches Thun zeigt von der schlechten Ansicht, die man von der Kunst hat, von der kindischen Meinung, daß das gewöhnlichste Denken und Empfinden des Einzelnen das ganze Publikum interessiren müsse, und ist in vorhinein zu verwerfen.

Was das Werk Mahlmann's betrifft, so finden wir darin die ausgesprochenen Ansichten bestätigt. Dem nonum prematur in annum getreu, hat der verdienstvolle Verfasser diese lobenswerthe Sammlung erst in der spätern Zeit seines künstleris schen Wirkens dem Publikum übergeben. Es ist hauptsächlich ein tiefer religiöser Sinn, der seine Gedichte auszeichnet, und fast aus allen derselben wiederklingt. Eine ruhige Beschauung der Poesie des Todes ist in der Mehrzahl bemerkbar und ausgesprochen. Da die dadurch aufgeregten Empfindungen und die damir in Verbindung stehenden Gedanken von der tiefsten und größten Art sind, so nehmen fast alle Gedichte Mahlmann's den Charakter der Erhabenheit und des Ernstes an. In der ersten und legten Strophe des Gedichts Seite 3, Geist der Dicht kunst, spricht sich die eigenthümliche Ansicht unseres Dichters von der Poesie aus:

Der Geist der Dichtkunst schirmt und trägt
Das Herz, von ihm belebt.

Wenn dich dein Schicksal niederschlägt,

Dich nächtlich Graun umschwebt :

Dann hebt sein Fittich dich zum Chor
Erhabner Geister frey empor,

Und bey dem Klange heil'ger Lieder,
Umgibt dich eine fromme Welt

Und deiner Kindheit Ruhe wieder.

Dann:

Selbst wenn du scheidend schmerzlich weinst,
Wenn Erd und Welt dir sinkt,

Wenn deine Lipp' erblassend einst
Den leßten Becher trinkt:

Er zeigt dir Licht, das ewig wacht,
Den Stern der tiefen Todesnacht!
Und du erblickst an Lethes Strande
Die Wiederkehr in's Vaterhaus,

Das Friedensfest im Geisterlande!

Diesen in der lezten Strophe ausgedrückten Grundgedanken führt der Dichter nun durch die meisten seiner Gedichte, nach allen Richtungen derselben durch. Gleich im Eingangs-Gedichte, die drey Gaben des Vaters, ist er auf eine poetische Weise ausgesprochen. Er gesellt den Tod den Segensgaben, die wir der Güte Gottes verdanken, der Hoffnung und dem Schlafe, als die dritte und schönste bey, welche, als den legten Segen des ewigen Vaters, uns die Hand des Mächtigsten nicht rauben kanu, indeß Hoffnung und Schlaf uns entrissen werden können. Ihm ist der Tod.

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Die lieblichste Gabe,

Der starke Erretter

Der freudige Held,

Welcher zertrümmert jegliche Fessel der Erde
Und aufträgt die Schwachen, Mühebeladenen,
Zu der ewigen Freyheit Sonnen-Glanz

Und zu des unendlichen Vaters
Hochheiligem Angesicht!

Dieses Gedicht gehört zu den vorzüglichsten der Sammlung, nur scheint seinem Inhalt die antike Form nicht ganz günstig zu seyn. In dem herrlichen, durch eine fast unnachahmliche Einfachheit ausgezeichneten Gedichte der Vater Martin« S. 8 jeigt der Dichter die Sehnsucht eines lebensmüden Greises nach dem Tode, und macht in der Art, wie sein Wunsch in Erfüllung geht, das Beneidenswerthe seines irdischen Verlöschens anschaulich. Im Gedichte Sehnsucht, S. 11, spricht der Dichter seinen Drang nach dem Lande der Ruhe und dem fröhlichen Erwachen nach dem schweren Traume des Lebens ergreifend aus. Die Gedichte: Mein Sehnen, S. 22, und Schwermuth, S. 28, cr scheinen als gelungene Variationen jenes früheren. Das van Lorenzo«, S. 26, und das schöne Lied des Trostes, 30, haben einen gleichen Inhalt. Wie herrlich ausgedrückt ist der Gedanke in der lehten Strophe des lehtgedachten Gedichts:

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Da glänzen tausend Sterne!

Wie groß ist deines Vaters Haus!

Ach dort, ach dort erwarmen

An seiner Brust wir Armen!

Drum wenn dein Herz in Thränen bricht,
Verzage nicht!

Wie gern vergessen wir um der tiefen poetischen Empfin dung und um des erhabenen Gedankens willen die kleine Unrichtigkeit im Ausdruck, die in jene schöne Stelle sich eingeschlichen hat. Im Nachtlied, S. 38, findet der Dichter nur im vom Glanz erhellten Heimatlande der Zukunft, Kraft und Ruhe nach dem Welken und dem Verfall irdischer Herrlichkeit; im rettenden Genius, S. 45, harṛt er mit Vertrauen auf den Herold der ewigen Ruhe, der die tiefsten Lebensschmerzen heilt, die Krone des Königs und den Stab des Bettlers mit gleichem Ernst ins stille Grab legt. Ihm ist sein Schweben, die Kälte seiner Hand nicht furchtbar, denn:

Es führt die liebe, kalte Hand

Hinauf, hinauf in's Heimatland!

Selbst im Beschauen der Reize der Gegenwart erblickt er . 86 im Gedichte: der Frühling und der Greis, den Jubel des Auferstehungs-Gesangs, und genießt, von den Blumen der Gegenwart umblüht, die Entzückungen der Ahnung vom Lande der Erlösung und der ewigen Jugend, die seiner dort warten. Im Kirchhofe zu Ottensee, S. 92, wo der Dichter Klopstocks Grab begrüßt, und in kräftigen Züger den poeti schen Charakter jenes unsterblichen Sängers erklärt; im Gedichte Gottvertrauen, S. 115, meine Sterne, S. 120; im Nachrufe an Bürgers Grabe, S. 126, überall sucht der ernste Dichter die Ideen der Ewigkeit und eines künftigen, die irdische Qual versöhnenden Lebens aufzuregen; überall erblickt er im Tode nur den milden freundlichen Engel, der uns dem Lande dauernder Entzückungen zuführt; überall sucht er uns die scheinbare Qual des Todes vergessen zu machen, und was er S. 122 im Gedichte Belehrung ausspricht:

Bitter erscheint dir der Tod? hoch preise die ewige Weisheit Daß sie des Bittern so viel hat in den Becher gemischt! Würden der Freyheit Trank nicht alle begierig ergreifen, Schreckte das Bittre sie nicht, froh dem Erretter zu nahn? kommt aus den innersten Tiefen seines Herzens. So sind die Empfindungen, welche er ausspricht, erhaben und tief, und werden von ihm zuweilen in einfacher rührender Weise vorgetragen, wie . B. im Gedichte am Gedächtnißfest Entschlafener, S. 160, wenn er singt:

Laßt uns oft den ernsten Blick
In die Nacht der Gräber senken!
Laßt uns liebevoll zurück
An geliebte Todte denken;
Daß wir in Bereitschaft steh'n,
Muthig ihnen nachzugeh'n.

zuweilen fast bis zum möglichsten Grade gesteigert, wie z. B. in dem Gedichte das Grab« S. 162, wo er das Glück der Todten preist und nach einer fantasiereichen und doch dabey verständigen Steigerung mit den Versen endet:

Kränzet die Thore des Todes mit Palmen!
Und singet der ewigen Freyheit Psalmen!
Und steuert muthig zum Hafen hinein!

Das Grab, das Grab soll Triumph-Thor seyn!

Aber auch selbst dort, wo der Dichter beym Beginnen des Gedichtes nicht von jenem Ernst und jener Tiefe des Gefühls durchdrungen zu seyn scheint, welche die vorgenannten Gedichte auszeichnen, wo er heiter, ruhiger, in einer milderen Stimmung ans Werk geht, wird er bald, fast wie unwillkürlich von der Eigenthümlichkeit seiner Gemüthslage gleichsam überrascht, und die tiefere Bedeutung des Gegenstandes dringt sich ihm zur Auffassung und zur Erklärung auf, wie z. B. in den Gedichten: Amor und Psyche, Seite 1; Abendlied an Minna, S. 43; an Cora, S. 54; Liebes zauber, S. 58; an Lina im Herbst, S.62; der Erndte Kranz, S.77; Glück im Vertrauen, S. 84; Ermuthigung, S. 107; der Veilchenkranz, S. 122; Erinnerung, S. 117; Klagen einer Ephemere, S. 123; Frage und Antwort, Seite 129. Ja sogar dort, wo sich die Laune einfindet, bleibt der Ernst nicht aus, obschon er sich bey einer solchen Gelegenheit nur ungefähr wie das erfahrne Alter im Kreise munterer Jugend benimmt, ihre Spiele überwachend, ohne sie zu stören. Sucht nach Belehrung, unzweckmäßiges Vermengen heterogener Theile finden wir nicht; das Lächeln unsers Dichters ist einfach, unschuldig und doch voll Bedeutung. Selbst im Weinliede, S. 51, wird er mitten im Preisen der Freuden des Bechers zum Ausdrucke frommer und gemäßigter Empfindungen getrieben. Der Dichter hat gezeigt, daß man auch ohne das herkömmliche Lob des Bacchus ein gutes Weinlied schreiben könne; wir möchten das seinige im Gegensahe der gewöhnlichen ein christliches Weinlied nennen. Im Reich der Freude, 67, finden wir, ungeachtet der launichtesten Stellen, wie z. B. S. 68:

Beym großen Faß zu Heidelberg

Berathe der Senat,

Und auf dem Schloß Johannisberg
Der Hochwohlweise Rath!

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