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zauberische Lieblichkeit athmet aus den Sonetten von Steigentesch.

Als Anhang zur vorliegenden Gedicht-Sammlung erscheinen mehrere sogenannte Gelegenheits- Gedichte, unter dem gemeinsamen Titel: Erinnerungen an die große Vergangenheit der Jahre 1813, 1814, 1815. Sie sind an den Kaiser Alexander beym siegreichen Einzuge in Leipzig nach der Völkerschlacht, an die regierende Kaiserin von Rußland bey der Durchreise im Jahr 1814 im Namen der Stadt Leipzig, und an den König von Sachsen, bey seiner Rückkehr im Jahre 1815, gerichtet, welchen die Lieder »am ersten Gedächtnißtage der Leipziger Völkerschlacht, bey dem feyerlichen Gottesdienste in der Nikolai - Kirche zu Leipzig gesungen am 19. Oktober 1814, ein Kirchenlied bey Einweihung der neuerbauten Kirche zu Schönfeld bey Leipzig, und ein Sachsenlied, gesungen vor dem König, als Er zum ersten Male nach seiner Rückkehr Leipzig besuchte, angehängt sind. Die Kirchenlieder sind bereits gewürdigt worden. Das Sachsenlied eignet sich der Einfachheit der Behandlung nach, ganz zum Volksliede. Von den patriotischen Gedichten müssen wir das wiederholen, was wir früher bey Gelegenheit der religiösen Gedichte unsers Verfassers bemerkt haben. Wahrheit des Gefühls zeichnet sie aus. So erhalten sie jene hohe Bedeutung, welche Gelegenheits- Gedichte dieser Art in die erste Reihe lyrischer Erzeugnisse stellen. Die patriotischen Gefühle, an Heiligkeit den religiösen ähnlich, sind wenn sie aus reiner empfindender von Verehrung und Dankbarkeit bewegter Brust quellen, und nicht vom Frevel einer niedrigen Nebenabsicht befleckt werden, die erhabensten und tiefsten zugleich, welche die Brust eines Sängers beleben. Die Fürsten, an welche jene Gedichte gerichtet sind, waren wohl geeignet, einen fühlenden Dichter zu begeistern; die Verhältnisse des durch den Befreyungskrieg geretteten Mannes und der von der Gewöhnlichkeit und der Uebertreibung gleichweit entfernte Ausdruck lassen mit allem Rechte auf die Lauterkeit des Gefühles schließen, welches sie vortragen. So reihen sich jene Verse würdig an die vielen Erinnerungen einer durch die Kraft und die Gerechtigkeit großer Fürsten zum dauernden Segen für uns verwandelten blutigen Zeit.

Die Diktion der Gedichte Mahlmanns ist in der Regel dem Inhalte entsprechend, und zeigt, daß der Verfasser jene Achtung vor der Kunst und dem Publikum gehabt habe, welche ihm die Anwendung einer sorglichen Feile anempfiehlt. Es ist ein verjährtes Vorurtheil, als ob lyrische Gedichte jene Strenge in der Ausarbeitung nicht vertrügen, welche man von andern,

z. B. von dramatischen begehrt. Gerade dort wollen wir ganz besonders die genaueste Beachtung der Form gewahr werden, weil es dem Dichter weniger Mühe kostet, die Schwierigkeiten, die sich ihm darbieten, zu überwinden, als bey Werken größern Umfangs. Nur wollen wir freylich den Dichter mit der Fessel nicht ringen sehn, sondern im leichten Ueberwinden derselben seine Meisterschaft preisen. In den Gedichten großer Lyriker, wenigstens in denen, welchen sie ihren Ruhm verdanken, findet sich auch durchgehends eine musterhafte Korrektheit, und nur das Unvermögen der Schwachen und Mittelmäßigen macht sich die Arbeit leichter, als sie seyn foll. Diese Korrektheit nun hat unser Dichter zwar meistens berücksichtigt und damit ein Beyspiel unsrer frühern Behauptung gegeben, daß eine genaue Beobachtung der Form den Erfordernissen eines lyrischen Gedichts keinen Eintrag thue; aber hin und wieder muß doch eine Sorglosigkeit im Ausdrucke, eine Härte oder das Verharren auf einer nicht zu billigenden Eigenheit ge tadelt werden, manchmal sind auch Bild und Gleichniß oder Wendung nicht poetisch genug. Als eine störende Eigenheit des Dichters, der er vielleicht absichtlich nicht entsagen wollte, ist das zu häufige Weglassen des Artikels und der sich wiederholende Gebrauch vom sogenannten Style marotique zu bemerken; eine Weise, welche mit der Würde und Erhabenheit des Inhalts im Widerspruch steht, und überhaupt der deutschen Sprache nicht zusagt. Seite 3:

Seite 80:

Im Schutte von Athen und Rom

Blüht Lorbeer auf dem Helden - Grabe,

Um Einfluß quält sich Stolz, der Geiz daß Geld sich mehre,
Der Höfling im Pallast dient schwer um Schein von Ehre.

Seite 89: Eichwald beugt sich. S. 101: Eilend wie Wolkenzug.
Für Ewigkeit. Seite 109: Kam ein Wandrer einst gegangen.
Seite 123: Auf Sterne stand mein Hoffen, auf Himmelslicht.
S. 177: aus Frieden der Seele, u. a. m. As Sprachunrich-
tigkeiten bemerken wir S. 2: der Tod, welcher die Schwachen,
Mühbeladenen aufträgt, für emporträgt. Seite 66:

Im Strahle der Sonne

Die Rose verblüht,
Mit durstiger Wonne

Den Tod sie sieht,

für: in sich zieht, eigentlich eintrinkt ;

Seite 43:

Gott drückt mit Abendlüftchen

Der Müden Auge zu.

als unklar im Bild,

im Ausdruck, S. 92:

Nur wenig Steine seh' ich auf den Hügeln,
Nicht goldne Schrift im Sonnenglanz sich spiegeln.
Als unpoetisch, S. 30:

Der große Geist

Um den die Welten schweben,

Er zählt die Thränen-Tropfen

ein kleinliches Bild! S. 52:

Es schafft Paradiese die Liebe,
Will mit dem göttlichsten Triebe
Irdische Herzen erfreun.

und Seite 60:

Sind sich zwey liebende Herzen nah,

So ist ja der herrlichste Traum schon da.

Beydes viel zu gewöhnlich, fast möchten wir sagen der Stellung nach zu gemein. - Wiederholungen dort, wo der Dichter steigern will, S. 86:

Nicht um Kronen,

Nicht um Glanz von Fürstenthronen,

dem Gedanken nach eins und dasselbe;
S. 50: Dank, Gesang.-S. 107: sinkt
S. 126: Freuden Saiten.

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Alle diese kleineren Unvollkommenheiten und Mängel aber, die wir nicht ohne einige Mühe herausgefunden haben, können dem eigentlichen poetischen Werthe der Sammlung, welchen wir früher zu erörtern versuchten, keinen Eintrag thun. Es ist nur zu bedauern, daß der Verf. sie nicht vermieden hat, welches er leicht hätte thun können. Eines Mangels an Strenge mit seinen Erzeugnissen ist er nicht zu zeihen, wir vermissen sogar in dieser Sammlung einige kleinere Gedichte, welche uns in früherer Zeit bekannt und lieb geworden sind, und welche füglich darin einen Plas hätten finden können. Gerade diese Strenge der Wahl, welche durchgehends sichtbar ist, jene Reife des Verstandes, jene Wahrheit edler und schöner Gefühle, welche darin vorherrschen, machen uns die vorliegende Gedichtsammlung vorzüglich schägbar, und um so mehr in einer Zeit, in welcher wir stündlich von Unmündigen, die ihrer literarischen Wassernoth nicht früh genug quitt werden können, zu Zeugen ihrer Ohnmacht und ihrer Erbärmlichkeit angerufen werden.

*

3. Ueber den rasenden Ajar des Sophokles. Eine ästhetische Abhandlung von Karl Immermann. Magdeburg, bey Wilhelm Heinrichshofen, 1826. kl. 8. 92 S.

Der Verfasser spricht in diesem, in mancher Rücksicht sehr interessanten Auffage, welchen er der Universität zu Halle gewidmet, und mit dem Motto aus Dante:

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versehen hat, zuvörderst die Meinung aus, daß die alte tragische Kunst sich in unsern Zeiten nicht wiederholen könne, und der Wunsch jener Wiederholung, als ein vergeblicher, auf Abwege führe. Er nennt die, aus den Werken der alten Kunst abgezogene Theorie eine falsche, und äußert, daß seine Abhandlung aus dem Wunsche entstand, den Irrthum, als sen sie eine richtige, zerstreuen zu helfen. In ihr wird ein Musterstück des Alterthums mit der Absicht beurtheilt, um in der Folge der Analyse die im Vorworte ausgesprochene Meinung begründen zu können.

In Rücksicht dieser vom Verfasser geäußerten Ansicht muß bey der kritischen Würdigung seines Aufsages auf ein Dreyfaches Rücksicht genommen werden: 1. auf den Grund oder Ungrund der Vorausseßung, welche dem Ganzen unterliegt; 2. auf die Beschaffenheit der Zergliederung der Tragödie des Sophokles; 3. darauf, ob diese Zergliederung ein Mittel sey, den Verfasser zu dem Ziele zu führen, welches er sich vorgeseht hat. Was den ersten Punkt betrifft, so ist der Verfasser mit seiner Behauptung: der Glaube, alte tragische Kunst könne sich in unsern Zeiten wiederholen, sey nur ein Wahn, offenbar zu weit gegangen. Er hat in so fern Recht, als die bloße Nachahmung, wie jede Nachahmung überhaupt, zum Urgen führt, und als er die Meinung bekämpft, alle neuere Kunst müsse überhaupt nur die antike wiederholen; Unrecht in so fern, als er es für möglich hält, daß die neuere Kunst ohne Rücksicht auf die antike einen bedeutenden Höhegrad hätte erreichen können, und in so fern als er die richtige und zweckmäßige Anwendung des Studiums antiker Kunst für verwerflich, oder auch nur für entbehrlich hält. Seine in den Vorerinnerungen ausgesprochene Ansichten geben aber, wie unwahrscheinlich es auch aussehen mag, jenes lettere Dafürhalten zu erkennen. Er äußert S.9, daß Müllner und Grillparzer durch den augenblicklichen (?) Einfluß, welchen sie auf die Bühne gehabt haben, dazu beygetragen hätten, den Wahn von einer sich an die Alten anschließenden tragischen Kunst, also von einer antikisirenden Art, hervorzurufen, indeß er keinen Beweis, nicht einmal eine Hindeutung gebraucht, worin es jene Dichter in Nachbildung der Alten eigentlich versehen hätten, sondern sich nur mit einigen beißenden und absprechenden Ausdrücken, die bey dem Werthe jener Schriftsteller nicht an ihrem Plaze sind, aus der Schlinge zu ziehen sucht; er wirft, S. 11, Tied eine mit dem Alterthume zu weit getriebene Pedanterey vor, wieder ohne Beweis, und behauptet zuleht sogar: daß Göthe, wenn er

nicht von einer plöhlichen Ehrfurcht für die Alten überrascht (?) worden wäre, sich grandioser würde ausgebildet haben; er scheut sich sogar nicht, auszusprechen: daß jener Dichter die Hoffnungen, welche er mit Göz und Faust erregte, durch Iphigenie und Tasso (das Vollkommenste, was die deutsche Sprache in dieser Art aufzuweisen hat, und welches gerade durch das richtig angewandte Studium der Alten jenen Grad der Vollkommenheit erhielt) nicht ganz erfüllt habe.

Fast sollte man bey jener vorgefaßten Meinung des Verfas= fers für den Werth der Hauptaufgabe, die er sich vorseßte, der kritischen Beurtheilung des griechischen Trauerspiels, bangen, und zwar um so mehr, da der Verfasser S. 12 selbst erklärt, daß er dieselbe nur aus dem Grunde, um die Haltbarkeit jener Meinung zu zeigen, unternommen habe. Hier aber wird man auf die erfreulichste Weise vom Gegentheile überrascht. Die Zergliederung der Eigenheiten und Vorzüge des rasenden Ajax ist eine der vorzüglichsten, welche wir über die Werke der Alten besißen; im Geiste eines Manso oder Jacobs geschrieben, leuchten daraus ein tiefes Studium und eine wirkliche Kunstweisheit des Verfassers hervor. Den Anfang macht die klare und verständige Erzählung der Fabel, S. 13—14, welcher sich Betrachtungen über den Stoff anschließen, S. 14—23, welche sowohl in Bezug auf das Trauerspiel Ajar, als wegen allgemeiner, die griechische Mythologie betreffender Bemerkungen, von vieler Bedeutung sind. Der Artikel »Behandlung,« welcher zunächst folgt, ist der umfangsreichste im Auffage, S. 2358, in ihm werden die Schönheiten der Tragödie des Sophokles umständlich und mit Scharfsinn entwickelt. Im Artikel Sculp tur in der Poesie, S. 58-93, versucht der Verfasser den Unterschied zwischen der antiken und der modernen Kunst festzusehen und zu erläutern. In der alten Kunst, äußert er sich, sey alles wahrnehmbar; statt daß in modernen Werken das Symbolische fast zu deutlich hervortritt, schimmert dieses in der alten Dichtung nur mäßig durch das Individuelle. Er sucht diese Ansicht, welche eigentlich die allgemeine ist, durch die Gegenüberstellung der Erzählung der Tekmessa von dem Wahnsinne des Ajar, mit der Erzählung der Königin im Hamlet, vom Tode Opheliens zu erläutern, indem er zeigt, wie, obschon Tekmessa in einer sehr bekümmerten und aufgeregten Stimmung spreche, dennoch die Sculptur der Poesie in jener Erzählung dadurch fühlbar werde, daß in ihr uns nach und nach eine Reihe der herrlichsten plastischen Gruppen gezeigt wird, indeß ein ganz anderes Verhältniß in der Erzählung der Königin bemerkbar werde. Hier wolle der Dichter überall die Seele selbst malen, und das Allgemeine, welches der einzelnen Erscheinung

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