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Stuttgart und Tübingen

in der J. G. Cott a S chen Buchhandlung.

1 8 3 3.

Verantwortlicher Redacteur: der General-Secretair der Societät, Professor von Henning.

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Jahrbücher

für

wissenschaftliche Kritik.

I.

Januar 1833.

Hebräische Propheten, übersetzt und erläutert von Friedrich Rückert. Erste Lieferung. Uebersetzung von Jesaia 40-66. Uebersezzung von Hosea, Joel, Amos, Obadia, Micha, Nahum, Habakuk, Sephania, Haggai, Zacharia, Maleachi. Leipzig, 1831. Weidmann'sche Buchhandlung. 144 S. in 8.

Hebräische Propheten übersetzen und erläutern ist bisher fast nur gelehrter Theologen oder einiger der Theologie nicht ganz fremder Sprachkenner Sache und Geschäft gewesen; und nach einem Werke, welches die Propheten in ihrem eigensten Wesen und Geiste aufgefafst wiedergäbe, und ihre Stimme uns gerade so wieder erschallen liefse, wie sie einst in gewaltiger Stärke und Wahrheit die ersten Hörer und Leser ergriff - nach einem solchen Werke sieht man sich in unserer weiten Litteratur noch vergebens um. Denn Herder, dessen Phantasie es wohl ziemlich hätte gelingen können, den Propheten ihre innersten Gedanken abzulauschen und sie in eben so leichtem als treuem Sprachgewande zu verdeutschen, hat sich doch mehr mit den grössern und kleinern Liedern als mit den Orakeln der Hebräer beschäftigt; das grössere Werk Eichhorn's aber über die Propheten enthält zwar vieles Schöne und Wahre, giebt indefs den Sinn sowohl der Form als dem Inhalte nach meist zu untreu wieder, So ist es denn gekommen, das, während andre Gebiete des Alterthums in unsern Zeiten einer immer allgemeinern Theilnahme und Anerkennung sich erfreuen, während die neu hervortretende Indische Litteratur die Auf merksamkeit fesselt, und selbst der Genufs Arabischer und Persischer Dichtkunst unsern Zeitgenossen näher gebracht, ist — die Althebräischen Dichter und besonders Hebräischen Propheten noch immer ziemlich

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fremd und fern, dastehen, und wenig allgemeiner verstanden und genossen werden. Die meisten kennen sie nicht, und schätzen gering, was sie nicht verstehn. Zur leichten und gemächlichen Unterhaltung sind die Propheten freilich nicht geschrieben: aber eine so ernste, um höhere Güter kämpfende Zeit, wie die unsrige zu sein oder zu werden scheint, wird aus ihnen viel lernen, wird sie recht schätzen können: denn unter einer uns oft fremdartigen Form verbergen sie einen Schatz der tiefsten Wahrheiten und schönsten Gedanken, hervortauchend in aller Kraft und Einfalt wahrer Originalität.

Wir freuen uns daher des Anfangs obigen Werks, vorzüglich sofern es dazu beitragen könnte, die Hebräischen Propheten aus dem engen Kreise, worin sie bisher meist gelesen wurden, in einen weitern zu führen, und auch solche zu ihrem Lesen zu leiten, welche des Hebräischen Originals unkundig, gern nach einer das Original so viel als möglich vollkommen ersetzenden Uebersetzung greifen. Denn der Vorzug einer sich dem Vorbilde treu und leicht anschmiegenden. Uebersetzung scheint uns allerdings der gröfste des Werks zu sein, dessen Anfang wir hiermit voll der Hoffnung einer baldigen glücklichen Beendigung ankündigen. Wer es wie Rückert schon versucht hat, die Dichterwerke der verschiedensten Völker, der Araber und der Inder, mit allen Schwierigkeiten einer neu zu gründenden Bahn ringend der vaterländischen Dichtung einzureihen ; wer wie er der Deutschen Sprache Kraft und Laut beherrscht, mehr leicht zu spielen scheinend mit ihrem Reichthum, als ihn mühsam suchend: von dem hofft und erwartet man gern, dafs er auch die verhallten Stimmen Hebräischer Propheten wieder mit Glück und Leichtigkeit in's Leben rufe und für späte Leser ihr treuester Dollmetscher werde. Und wenn es wahr ist, dafs jeder von uns doch vorzüglich nur Eins hat, worin sich seine Tüchtigkeit am freiesten und schönsten

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entfaltet: so würde man, wo von Uebersetzung und Erklärung die Rede ist, ohne Zweifel das Geschäft der Uebersetzung als die eigenste und hervorragendste Tüchtigkeit Rückert's bezeichnen. In diesem Sinne nun, mit Rücksicht auf die Uebersetzung an sich, trägt Ref. kein Bedenken, dem vorliegenden Werke vor allen ähnlichen Uebersetzungen neuerer Zeit den Vorzug zu geben; denn keine von diesen zeigt so viel Gewandtheit und so viel durchdachte Beständigkeit der Methode, keine schmiegt sich so leicht und treu an das Original, wie die vorliegende. Je mehr Ref., selbst seit den letzten Jahren mit einer Uebersetzung und Erklärung des ganzen Alten Testaments beschäftigt, die Schwierigkeiten einer guten Uebersetzung Hebräischer Propheten und Dichter kennt, desto lieber giebt er dem Verf. jenes Lob. Es ist in neuester Zeit auch von einem andern, einem scharfsinnigen, um die biblische Litteratur und um die Theologie sehr verdienten Manne eine Uebersetzung des A. T. erschienen *), worauf Ref. bei dieser Gelegenheit zugleich aufmerksam machen möchte: aber aufserdem, dafs diese sich von einer äussern philologischen Autorität zu sehr abhängig gemacht hat, so schliesst sich die Rückert'sche Uebersetzung weit leichter und treuer an das Original als die de Wette's, wie unten einige Beispiele zeigen werden.

Bei den bedeutenden Vorzügen dieser Uebersetzung zeigt sich jedoch eine Eigenthümlichkeit derselben, worüber Ref. jetzt weiter zu reden nicht umhin kann, weil er sich mit ihr noch nicht zu befreunden vermag. Dies ist ihre überaus grofse Wörtlichkeit. Eine sehr wortgetreue Uebersetzung verträgt zwar und verlangt die Sprache der Hebräischen Dichter und Propheten, weil ihr Uebersetzer durch kein wiederzugebendes Versmafs, durch keinen Zwang eines Reimes, noch durch irgend eine andere äufsere Hemmung beengt wird, sondern sich frei alles Reichthums und aller Schmiegsamkeit der Deutschen Sprache bedienen kann, um den Propheten im Deutschen Gewande gerade so reden zu lassen, wie er einst im Hebräischen sprach. Als Dichter hätte Rückert keine grofse Mühe gehabt, das Hebräische in die Modeform neuerer Dichtungen umzugiessen: aber wir danken ihm, dass er jeden fremden Glanz und Schein von der innern Grösse und Herrlichkeit der Propheten

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entfernt gehalten und sie mit aller Treue ganz so uns hat wiedergeben wollen, wie sie einst wirklich waren. Rückert hat also von dieser Seite nach des Ref. Ueberzeugung ganz den richtigen Grundsatz getroffen; und wenn bei dem Streben, das Deutsche mit möglichster Genauigkeit dem Hebräischen anzuschmiegen, manches im Deutschen ungewohnte und bisher nicht übliche gesagt ist, so freuen wir uns der noch immer neuen Bildsamkeit unserer Sprache, ohne dem Uebersetzer den Vorwurf der Kühnheit zu machen. Aber auch die gröfste Worttreue der Uebersetzung darf nicht in eine zu ängstliche Wörtlichkeit und in Unverständlichkeit ausarten; und wir fürchten, dafs Rückert die enge Grenzlinie zwischen den beiden Seiten, zwischen der höchsten Worttreue und der übermässigen Wörtlichkeit, nicht überall festgehalten habe. Die Wörtlichkeit der Uebersetzung ist bisweilen so grofs, dafs wer den Hebräischen Text nicht sich vergegenwärtigt, mit Mühe oder gar nicht das Deutsche verstehen wird. An die ganze Wortstellung und Wortformation des Hebräischen hat sich der Verf. so genau gehalten, dass er z. B. die Ordnung des status constructus oder die eigenthümliche Art, das Genitiv-Verhältnifs durch die blofse Stellung der Wörter auszudrücken, ferner die Hebräischen Zeitformen, das Participium u. s. w. immer mit buchstäblicher Treue ausdrückt. Sollte aber wohl darin die rechte Worttreue liegen? Allerdings mufs der Charakter der einfachern, an Formen nicht sehr reichen Hebräischen Sprache in der Uebersetzung nicht verwischt werden: aber auf welche anderé Art wird dies richtig geschehen, als dadurch, dass wir nur den Geist, nicht den Buchstaben der Hebräischen Sprache zu erreichen und in der Uebersetzung auszudrücken streben! Denn da die Deutsche Sprache sammt dem gan zen Indo-Germanischen Sprachstamm in der Grundbildung ihrer Formen, wie in deren Gebrauch von der Hebräischen so ungemein verschieden ist, dafs z. B. das Hebräische Participium eine ganz andere Bedeutung in der gesammten Sprachmasse hat und eine ganz andere Stellung einnimmt, als das Deutsche: so wird eine ge naue Wiedergebung jeder Hebräischen Wortfügung und Wortbildung sogar im Deutschen oft einen ganz andern Sinn geben, jedenfalls aber unnöthiger Weise so fremd und wunderlich klingen, dafs sich nur der damit leicht versöhnen wird, der das Hebräische selbst in seinem innern Wesen kennt, und so durch das Deutsche das

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Hebräische hindurchhört, jenes durch dieses verstehend.
Wenn z. B. Hab. 2, 19. ein abgeschlossener Satz so
übersetzt wird: Hui! sprechend zum Holz: erwache!;
wach auf! zum Steine dumpf. so möchte schwerlich
jemand, dem das Hebräische nicht schon bekannt wäre,
jenes Participium sprechend und mit ihm den ganzen
Satz verstehen. Das Hebräische
lautet aber,
wenn man es einmal wörtlich übersetzen will: o den
sprechenden! d. h. o wer da spricht! denn gewiss ist
das Participium im Gefühl der Sprache nach dem Ausruf
als Object oder im Accusativ gesetzt zu denken,
wie im Arabischen Wer nun aber dennoch
jenes wörtlich übersetzte: hui! sprechend
der würde dem Hebräischen eine Ungelenkigkeit und
Undeutlichkeit zumuthen, die es in der That nicht hat,

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und dem Deutschen Leser ohne Grund etwas an sich

schon wunderlich und unverständlich lautendes geben, Ref. hat mit Absicht an diesem Beispiel länger verweilt, um über diesen Gegenstand fortan nicht weiter zu reden: die Wahrheit fordert nur zu sagen, dass sich diese Art von Uebersetzungen so häufig und consequent findet, dass sie mit zum Charakter der sonst so vorzüglichen Arbeit gehört."

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Aber ist es denn überall passend, und wo ist es mit
Fug und Recht zu erwarten? Die Hebräischen Dichter,
dies zeigt sich bei genauerer Betrachtung, gebrauchen
das Wortspiel äusserst selten; und man fühlt leicht,
dass es in der echten lyrischen Poesie oder in dem
freien Erguls der Empfindung sehr wenig an seiner
Stelle ist. Passend dagegen ist es schon in der di-
dactischen Poesie; noch mehr in den Reden an das
Volk, also auch in den prophetischen Orakeln, wo es
oft mit ungemeinem Nachdruck eintritt, schnell und un-
widerstehlich treffend den Hörer. Aber eben deswegen
ist das Wortspiel kein blofser Schmuck und keine mü
fsige Zuthat der Rede, welche überall passend wäre:
wir müssen vielmehr überall, wo ähnliche Wortlaute
zusammenkommen, erst fragen, ob denn hier wirklich
ein Spiel oder Witz in den Worten liege, der den Hö,
rer treffen solle, oder ob das Zusammentreffen ohne
alle Bedeutung und Absicht sei. Wenn der Verf. z. B.
Obadja v. 1. die Worte DMD, als liege darin
ein beabsichtigtes Wortspiel, sich weit von der Ein-
fachheit des Hebräischen Satzes entfernend übersetzt:
eine Kunde hörten wir kilnden,
fragen, ob denn hier und ähnlich Habakuk 3, 2. ein
Wortspiel passe? Ref. fürchtet, dafs es hier im Anfang
der Rede, und bei Habakuk sogar im Anfang des Ge-
bets an Gott, ganz unpassend und von den Propheten
nicht beabsichtigt sei; denn ist das gewöhnli-

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so möchte man erst

che Wort für „Orakel" (Jes. 53, 1.), und man sieht nicht, wie der Prophet dafür hätte ein anderes Wort setzen können.

Nur in einem Falle weicht die Uebersetzung mit Beharrlichkeit und Absicht von ihrem vorherrschenden Charakter der Wörtlichkeit ab: in der Uebertragung von Wortspielen des Hebräischen Textes. Und hier trägt die Abweichung von dem herrschenden Gesetz ihre Berechtigung in sich selbst: denn soll diese eigenthümliche Farbe und Kraft der Rede nicht verloren ge- Von der Kunst und Gewandtheit der Uebersetzung hen, so muss dem Uebersetzer zur Hervorbringung ei- ist das zum Grunde liegende philologische Verständniss nes ähnlichen kernigen Wortspiels die Freiheit bleiben, und die Art der Erklärung noch verschieden. Und dienur an die Sache, nicht an die Worte des Originals gebunden zu sein. Auch kann sich hier recht das Talent des Uebersetzers bewähren, und Hr. Rückert hat dabei wieder seine ausgezeichnete Uebersetzungstüchtigkeit mit Glück gezeigt. Jeder Kenner wird bei diesem Theile der Uebersetzung mit besonderer Achtung weilen. Aber eins scheint dem Ref. hier noch zu fehlen die Gewissheit, ob das Wortspiel, wo es gefunden werden kann nach dem blofsen Schall, auch von dem Propheten beabsichtigt sei? Gewöhnlich begnügt man sich mit der ganz allgemeinen Angabe und dem Glauben, dass das Wortspiel im Alten Testament sehr häufig sei.

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ses Geschäft ist, um aufrichtig es zu gestehn, bei dem Alten Testament schwerer und verwickelter als das der Uebersetzung. Denn wo wir von einer alten Litteratur viele Reste übrig haben und wo noch alte Scholien und Commentaria uns zu Hülfe kommen, wie bei der alten Griechischen, Indischen und Arabischen Litteratur, da bedarf es nur des regen Fleifses, um sich durch anhaltend fortgesetztes lesen eine sichere Kenntnifs der Sprache zu verschaffen und ein Stück und eine Redensart mit Sicherheit aus dem reichen Schatze aller Parallelstellen zu verstehn, und' da ist wohl das schöne Uebersetzen schwerer als das einfache Verstehen: aber

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