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XVII.

Neolithische Keramik und Arierproblem.

Von Generaloberarzt Dr. Wilke in Chemnitz.

Mit 106 Abbildungen.

Der Versuch, das Indogermanenproblem auf archäologischem Wege zu lösen, ist neuerdings wiederholt von den berufensten Forschern gemacht worden. Ich nenne nur die Arbeiten von Penka, Wilser, Much, Schliz, Götze, Hörnes, Höfer, Kossinna und Hubert Schmidt, durch deren gründliche Untersuchungen die Frage um ein gutes Stück der Lösung näher gerückt worden ist.

Aber das zahlreiche neue Material, das der Spaten seit dem Erscheinen der erwähnten Veröffentlichungen zutage gefördert hat und durch das unsere Kenntnis von den einzelnen steinzeitlichen Kulturperioden in den verschieden in Betracht kommenden archäologischen Provinzen wesentlich bereichert worden ist, läßt eine erneute Behandlung des Indogermanenproblems gerechtfertigt erscheinen und insbesondere fordern die keramischen Stilarten, die ja in erster Linie für den Nachweis von Völkerbewegungen maßgebend sind, zu einer neuen gründlichen Prüfung heraus. Auf diese sollen sich daher im wesentlichen die folgenden Untersuchungen erstrecken.

Bevor wir uns indes der Lösung dieser Aufgabe zuwenden, seien erst kurz die Hauptergebnisse, die uns die vergleichende Sprachforschung, die Anthropologie und die Archäologie geliefert haben, zusammengestellt.

Aus sprachlichen Gründen ergibt sich, daß die Kultur des indogermanischen Urvolkes der jüngeren Stein- und Kupferzeit entspricht. Das Kupfer traf dieses Urvolk noch in räumlichem und kulturellerem Zusammenhang, die Bronze dagegen bereits als Einzelvölker. Dadurch ist

als Ende der Trennung und Ausbreitung der indogermanischen Völker mit großer Sicherheit das Ende der Steinzeit erwiesen. (Höfer: Archäol. Probleme in der Prov. Sachsen; Festgabe der hist. Komm. f. d. Prov. Sachsen usw., Halle 1903.)

Ist daher für eines der indogermanischen Völker die Urheimat während des Neolithikums nachweisbar, so ist damit auch die steinzeitliche Urheimat der Indogermanen überhaupt erwiesen. Nun läßt sich in der Tat mit großer Bestimmtheit zeigen, daß die späteren germanischen Bewohner Dänemarks und Schwedens, wo die Niederschläge der verschiedenen vorgeschichtlichen Perioden am dichtesten und am besten zu übersehen sind, die Nachkommen der einstigen neolithischen Bevölkerung waren. Dies folgt nicht nur aus den völlig gleichartigen somatischen Verhältnissen, die sich bis heute seit der Steinzeit unverändert erhalten haben, sondern auch aus der ganz allmählichen und stetigen Kulturentwickelung, die eine gewisse Kontinuität der Bevölkerung zur notwendigen Voraussetzung hat. Und wie in Schweden und Dänemark, so liegen die Verhältnisse auch in Norddeutschland, in Hannover, Schleswig-Holstein, Nord brandenburg, Mecklenburg und Pommern, kurz in dem gesamten Gebiete der Megalithkeramik, wo ein Wechsel der Bevölkerung erst in der archäologisch scharf gekennzeichneten Slawenzeit nachweisbar wird.

Mit diesen Ergebnissen der archäologischen und anthropologischen Forschung stimmen auch die der Sprachforschung überein, denn das Bild, das sie uns von dem Heimatlande der Indo

germanen hinsichtlich seines Klimas, der Oberflächengestaltung, der Fauna und der Flora liefert, trifft für kein Land so zu, wie für die oben näher umgrenzten Gebiete. (H. Hirt: Die Indogermanen, ihre Verbreitung und ihre Kultur; Straßburg 1903; Hoops: Waldbäume und Kulturpflanzen.)

Dürfen wir also dieses Gebiet mit Megalithbauten als zum Heimatgebiet der Indogermanen gehörig mit großer Sicherheit annehmen, so fragt es sich doch, ob die Grenzen dieser archäologischen Provinz sich mit den Grenzen des Gesamtheimatlandes der Indogermanen decken, oder ob diese nicht wesentlich weiter reichten. In engem Zusammenhange damit steht die andere Frage, wann die erste Ausbreitung der Indogermanen erfolgte. Denn die oben angeführte, auf sprachliche Gründe gestützte zeitliche Fixierung besagt doch nur, daß, als das Kupfer erschien, das indogermanische Urvolk sprachlich noch nicht differenziert war, schließt aber nicht aus, daß es sich schon damals von seiner ursprünglichen engeren Heimat aus über größere Gebiete ausgebreitet hatte.

In diesen beiden Fragen scheint mir die wesentlichste Differenz zwischen Kossinna und Much zu beruhen. Während ersterer, entsprechend dem Ausbreitungsgebiet der Megalithbauten und der „Bandkeramik“, die er als einheitlich auffaßt, die Südgrenze des ursprünglichen Heimatgebietes der Indogermanen in die Breite von Magdeburg und den Beginn der Wanderungen in die Zeit der Kugelamphoren, also erst in eine ziemlich späte Periode des Neolithikums verlegt, nimmt Much als südliche Grenze das mitteldeutsche Waldgebirge und als Zeit der beginnenden Wanderung viel frühere, von ihm freilich nicht näher bestimmte Perioden an.

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auch Südeuropas in der frühesten Bronzezeit, also im Beginn des zweiten Jahrtausends v. Chr., nur durch die Annahme verständlich, daß die Wanderungen schon sehr früh einsetzten, und daß die zwischen die Urbevölkerung des südlichen Mitteleuropa sich einschiebenden indogermanischen Massen durch immer wiederholte Nachschübe lebensfähig erhalten wurden.

Gerade hierin scheint mir der schwächste Punkt in der Kossinnaschen Annahme zu liegen. Mochte das von ihm supponierte Heimatgebiet auch noch so dicht besiedelt sein, so vermochte es doch nicht innerhalb der wenigen von Kossinna dafür angesetzten Jahrhunderte so zahlreiche Massen auszusenden, wie sie zur Indogermanisierung der außerordentlich dichten ,,bandkeramischen" Bevölkerung Mitteleuropas erforderlich waren, ganz abgesehen von den Arzawa, Mitani und Kossäern, die wahrscheinlich gleichfalls arischer Herkunft waren und die bereits vor der Mitte des zweiten Jahrtausends in Vorderasien mächtige Reiche errichteten.

Anderseits aber stimmt die von Kossinna angenommene Begrenzung des Heimatgebietes der Indogermanen vollständig zu der von ihm zuerst ausgesprochenen, höchst überraschenden Tatsache, daß sich auch in allen folgenden Kulturperioden in der Höhe von Magdeburg immer wieder eine scharf ausgeprägte Scheidung in eine nördliche und südliche Kulturzone bemerkbar macht, eine Scheidung, die ganz zweifellos auf einem volklichen Unterschied beruhen und einer ethnischen Grenze entsprechen muß.

wenn

Die Ansichten Muchs und Kossinnas lassen sich nun meines Erachtens recht wohl vereinigen, man annimmt, daß schon in sehr alten Zeiten ein den Indogermanen vielleicht urverwandtes und gleich ihnen von der Cro-Magnonrasse abstammendes Südvolk über den Herkynischen Wald bis in die Höhe von Magdeburg sich ausbreitete (s. u. S. 342), und daß dann später, aber ebenfalls noch in einer sehr frühen Periode, diese nordherkynische Bevölkerung von den aus ihren ältesten Ursitzen im Norden vordringenden Indogermanen überlagert und indogermanisiert wurde. Daß in der Tat die nordischen Elemente sich wesentlich früher über die Linie von Magdeburg ausgebreitet haben müssen,

als Kossinna annimmt, ergibt sich einmal aus der Ausbreitung der megalithischen Denkmäler, die bis in das nördliche Thüringen und in die Gegend von Merseburg zu verfolgen sind (Höfer, a. a. O., S. 9), möglicherweise früher sogar in Sachsen und Böhmen existierten 1), andererseits aus der

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1) Es sei hier an den „Hohen Stein" bei Grimma in Sachsen (Wilke: Der „Hohe Stein“ von Döben bei Grimma; Verhdlg. d. Berl. Anthr. Ges. 1901, S. 194 ff., Fig. 2) erinnert, der in seiner Form vollständig mit den nordischen und vielen bretonischen Menhirs übereinstimmt, wenn er auch hinsichtlich der Dimensionen letzteren gegenüber zurückbleibt. Analoge Steindenkmäler kommen auch in Böhmen vielfach vor. Ich erwähne vor allem die Menhire (böhm. „baby“) von Liběchov, Bez. Wegstädtel (Pam. Arch., Bd. III, S. 299), Petersburg, Bez. Jechnic (ebenda Bd. IX, S. 320), Kvilic, Bez. Schlan (Kalina von Jäthensteins Altert. Böhmens, S. 166), von Hradiště bei Strakonic (Pam. Arch. VIII, S. 72), den Mönchstein“ bei Drahomyšl, Bez. Saatz (ebenda Bd. III, S. 299), das „versteinerte Weib“ bei Sousedovic, Bez. Strakonic (ebenda Bd. IX, S. 818), den versteinerten Hirt" (zkamenelý pastýř) bei Klobuk, Bez. Schlan (ebenda Bd. IV [2], S. 142), die „zwei versteinerten Ritter" bei Bělá und die „neun Könige" (u deviti králův) bei Vustrá, Bez. Strakonic (ebenda Bd. VIII, S. 73). Ja sogar Trilithen (böhm. „kozy“) sind aus Böhmen mehrfach publiziert worden, so vor allem die „koza“ vom Sarkaer Hradiště bei Prag, die bis 1849 bestand und 2 m hoch war (Břetislav Jelínek, Mat. z. Vorgesch. Böhmens; Mitt. d. Wien. anthr. Ges. 1896, S. 209) und die drei Trilithe am Berge Gbejl bei Strakonic (Pam. Arch., Bd. VIII, S. 73). Vielleicht gehören zu diesen Steindenkmälern auch noch mehrere „Opfer“und Drehsteine". Von ersteren seien erwähnt der Kesselstein von Hradiště bei Strakonic (Pam. Arch., Bd. VIII, S. 73), von Gablonz, Grünwald und Vrchoslavic im Bez. Gablonz (Pam. Arch., Bd. XI, S. 591), von Sudoměř, Bez. Bělá (Riggers Arch., S. 664), der „Markstein" vom Smutnaberg (Mitt. d. k. k. Zentr.-Komm., Bd. IX, S. 110 u. Abb. 168) und die drei Rundtische von Lana, Bez. Strašic (Pam. Arch., Bd. XI, S. 591). Drehsteine sind bekannt von Krty, Bez. Jechnic (Pam. Arch., Bd. XI, S. 146), Šemnic bei Karlsbad, Kadov bei Pisek, Haustein bei Elbogen (Pam. Arch., Bd. III, S. 300) und der Schaukelstein" (böhm. kačena von kačat' = schaukeln) bei Lhota Vilasova, bzw. Sedlčany (Pam. Arch., Bd. X, S. 819, mit Abb.). Endlich ist zu den Steinaltertümern Böhmens vielleicht auch noch der Steinblock von Klein - Plešivec bzw. Hořovic zu rechnen, den wenigstens manche für einen ehemaligen „Schaukelstein“ (koliban) halten, während ihn andere als bloßes Naturspiel betrachten (Jelínek, a. a. O., S. 207 ff., wo auch noch weitere Literatur zusammengestellt ist).

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Freilich ist die Chronologie der hier angeführten sächsisch-böhmischen Steindenkmäler ebenso wie die meisten nordischen Monolithen noch recht unsicher. Dagegen kann nach den bei bretonischen Menhirs, in Cromlechs und in Steinalleen gemachten keramischen und sonstigen Funden kein Zweifel darüber walten, daß diese Steindenkmäler wenigstens zum größeren

Verbreitung der dolmenzeitlichen Kragenfläschchen; die südlich bis Kassel (J. Böhlau und T. v. Gilsa, Neolith. Denkm. aus Hessen, Beil. 1, Fig. 8 und 9, Kassel 1898) und Thüringen (Seger, Die Steinz. Schlesiens, Arch. f. Anthr., N. F., Bd. V, S. 130), im Osten über Mittelschlesien bis Galizien sich verfolgen lassen (Seger, a. a. O.).

Alle weiteren Untersuchungen über die fernere Ausbreitung der Indogermanen werden also von diesem ursprünglich zwar fremdrassigen, aber schon in allerfrühester Zeit indogermanisierten, nordherkynischen Gebiete auszugehen haben, womit jedoch keineswegs gesagt sein soll, daß nicht auch Wanderungen von weiter nordwärts, unter Umständen sogar mit Über

Teil bis in die jüngere Steinzeit und sogar noch bis in die älteren Abschnitte des Neolithikums zurückgehen. (Zahlreiche steinzeitliche Gefäßreste von Menhirs, Cromlechs und Allignements befinden sich in den Museen von Vannes, Carnac, Nantes, Kernuz usf.; eine Anzahl Scherben mit charakteristischer neolithischer Stichverzierung vom Cromlech von Er Lanic verdanke ich der Liebenswürdigkeit des Herrn M. Gaillard in Plouharnel.) Ich trage daher kein Bedenken, auch die den bretonischen so ähnlichen sächsisch - böhmischen und nordischen Monolithen im allgemeinen der gleichen Periode zuzuweisen und für alle diese Denkmäler einen gemeinsamen Ursprung anzunehmen. Da sich das Verbreitungsgebiet der Menhirs im großen ganzen fast vollständig mit dem der megalithischen Grabbauten, mit denen sie zum größeren Teile gleichaltrig sind, deckt, so liegt die Annahme nahe, daß auch die Errichter der sächsisch-böhmischen Menhirs den Dolmenbau übten und es ist daher wohl möglich, daß auch südlich vom Erzgebirge früher einmal Dolmen existierten, die jedoch nach der Verdrängung der Slawen durch die rückflutenden Deutschen für die alsbald in rascher Folge emporwachsenden Ortschaften, Kirchen und Burgen ein bequemes Baumaterial lieferten und daher schon frühzeitig völlig verschwanden. Andererseits aber ist es auch möglich, daß die Errichtung großer steinerner Grabdenkmäler wegen Mangel an geeignetem Baumaterial unterblieb. Das mußte besonders dann der Fall sein, wenn der Aufenthalt jener Megalithleute in den erwähnten Gebieten nur ein ganz vorübergehender war und es daher an Zeit und Gelegenheit fehlte, passende Steinblócke zusammenzusuchen oder gar von anstehenden Felsen loszubrechen. Erst nach ihrer dauernden Niederlassung in einer neuen Heimat fanden sie Muße genug, die mit ihren religiösen Anschauungen und ihrem Familiengefühl auf das innigste verknüpften heimatlichen Grabgebräuche wieder aufzunehmen. Bei dieser Auffassung würden die sächsisch - böhmischen Menhirs gewissermaßen die Etappen bezeichnen, die jene von Norden durchziehenden Megalithvölker bei ihren raschen Wanderzügen berührten (vgl. S. 340, Fußnote 1).

springung des nordherkynischen Gebietes, stattgefunden haben können. (Vgl. S. 339 ff.).

Um nun für weitere Untersuchungen eine sichere Grundlage zu gewinnen, müssen wir uns daher erst einmal über die verschiedenen keramischen Gruppen Mitteldeutschlands und ihr gegenseitiges, chronologisches Verhältnis volle

Klarheit zu schaffen suchen.

Bekanntlich hatte Köhl schon vor mehr als einem Jahrzehnt auf Grund der doch in erster Linie maßgebenden Gräberfunde drei verschiedene und zeitlich getrennte keramische Gruppen unterschieden, für die er dann später die Bezeichnung ältere und jüngere Winkelband- und Spiral-Mäanderkeramik eingeführt hat. Durch Auffindung sich überschneidender Herdstellen gelang es ihm dann später auch noch, eine feste Basis für die zeitliche Fixierung dieser drei Perioden zu gewinnen. An acht verschiedenen Stellen waren nämlich Gruben mit Rössener Scherben von Herdstellen mit Spiral- Mäanderkeramik überschnitten, und ebenso war der Graben, der die ursprüngliche Rössener Siedelung umgrenzte, von einer Herdstelle mit Spiral

scherben durchbrochen.

Damit war das höhere Alter der Rössener gegenüber der Spiral-Mäanderkeramik zur Gewißheit erwiesen, und da erstere, wie unten näher begründet werden soll, ihrem Wesen nach nur eine Weiterentwickelung der Hinkelstein(ältere Winkelband-)keramik darstellt, so dürfen wir nunmehr zunächst für die Wormser Gegend folgende, drei zeitlich getrennte Perioden unterscheiden 1):

1) Wie mir erst nach Drucklegung dieser Arbeit bekannt geworden ist, neigen jetzt sowohl Schumacher (J. f. E. 1908, IV. Jahrg., S. 570) als Köhl (briefliche Mitteilung) der Annahme zu, daß von allen drei Stilgruppen die Rössener die älteste ist. Da ich die Gründe nicht kenne, die für die genannten Forscher bei dieser Auffassung maßgebend sind, muß ich mich zunächst eines bestimmten Urteiles über diesen Punkt enthalten, wenn ich auch vorläufig noch das höhere Alter der Hinkelsteinkeramik für weit wahrscheinlicher halte. Für diese Annahme spricht nicht nur die in technischer wie dekorativer Hinsicht reiche Entwickelung des Rössener Gefäßstiles und die große Differenzierung der Gefäßformen innerhalb dieser Gruppe, die gegenüber der sehr geringen Mannigfaltigkeit an Gefäßtypen innerhalb der Hinkelsteinkeramik einen sehr wesentlichen Fortschritt bedeutet, sondern vor allem der Umstand, daß der Rössener Typus nicht nur in Skelettgräbern, sondern auch in Verbindung mit Leichenbrand vor

1. Ältere Winkelbandkeramik (Hinkelsteintypus).

2. Jüngere Winkelbandkeramik (Rössener, Albsheimer, Niersteiner Typus).

3. Spiral-Mäanderkeramik.

Es ist nun für unsere Untersuchungen von ausschlaggebender Bedeutung, daß sich alle wesentlichen Elemente dieser drei Kulturperioden, abgesehen von einzelnen unbedeutenden lokalen Schattierungen, in ganz gleicher Weise auch in Mitteldeutschland, Böhmen und Mähren, und teilweise auch in Schlesien und im unteren Donaugebiete wiederfinden.

Freilich liegen in diesen Gebieten die Verhältnisse lange nicht so einfach und klar, wie am Rhein. Abgesehen von den Gräberfeldern mit Rössener Typus kennt man aus Mitteldeutschland und Böhmen bisher nur einige wenige Gräber mit Spiral-Mäanderkeramik (Korresp.-Bl. d. deutsch. Ges. f. Anthr. 1006, S. 123; Mansf. Blätter, XX. Jahrg., S. 241 ff. usw.), während Grabfunde aus der Periode der älteren Winkelbandkeramik, wie es scheint, noch vollständig fehlen. Nur aus Ansiedelungen ist diese letztere Gruppe bisher bekannt geworden, und zwar, wodurch die Frage besonders kompliziert wird, von Siedelungsplätzen, wo neben jenen vielfach auch Gefäßreste der anderen Gruppen zum Vorschein kamen. Dieser Umstand hat ja auch dazu

kommt (Gräberfeld von Rössen und vielleicht auch Niederingelheim; Z. f. E. 1900, S. [251]). Metall ist allerdings noch nicht bei Rössener Gefäßen gefunden worden, dagegen wiederholt beim Bernburger Typus, der ja zu dem Rössener mancherlei Analogien bietet und ihm zeitlich daher nahe stehen muß.

Sollte indes durch stratigraphische Beobachtungen doch noch das höhere Alter des Rossener Stiles einwandfrei erwiesen werden, so würde trotzdem die iu vorliegender Arbeit begründete Anschauung davon nur wenig betroffen werden. Denn der enge Zusammenhang zwischen Rössener und Hinkelsteinkeramik, der entweder eine Entwickelung ersterer aus dieser annehmen oder umgekehrt die Hinkelsteinkeramik als degenerierte und verfallene Rössener Keramik erscheinen läßt, bleibt ebenso bestehen, wie die Verwandtschaft beider mit der nordischen Töpferkunst, und es ist für unsere Untersuchungen nicht von wesentlichem Belang, ob die Rössener aus der Hinkelsteingruppe hervorgegangen und ihre Ausbreitung demzufolge später erfolgt ist, oder umgekehrt. Wesentlich für uns ist nur das Ursprungsgebiet beider keramischer Gruppen, und in dieser Hinsicht läßt eine etwaige Änderung der Ansichten über das gegenseitige chronologische Verhältnis beider unsere Ausführungen völlig unberührt.

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geführt, sämtliche drei Formen in eine einzige Gruppe, die Bandkeramik", zu vereinigen, eine Anschauung, an der auch heute noch viele Prähistoriker festhalten.

Indes berechtigt das Vorkommen stilistisch verschiedener, keramischer Reste auf einer Siedelungsstätte noch keineswegs dazu, ohne weiteres auch eine zeitliche Zusammengehörigkeit dieser Funde vorauszusetzen. Läßt sich für diese verschiedenartigen keramischen Stücke die Zugehörigkeit zu bestimmten Stilgruppen, für die in einem umschriebenen, aber räumlich mit den übrigen Fundgebieten zusammenhängenden Bezirke durch Grabfunde die zeitliche Trennung sicher erwiesen ist, feststellen, so dürfen wir im allgemeinen allein schon auf Grund dieses Identitätsnachweises die anderwärts gewonnenen chronologischen Ergebnisse auf das ganze Gebiet, in dem sich die gleichen Kulturerscheinungen wiederholen, übertragen. Zur Gewißheit wird dies aber, wenn sich auch in diesem Gebiete neben Fundstellen mit gemischter Keramik Siedelungen nachweisen lassen, die nur eine der verschiedenen Stilgattungen enthalten.

Dieser Nachweis ist in der Tat sehr leicht zu führen, und Schliz, der am entschiedensten für die Einheitlichkeit der „Bandkeramik" eingetreten ist, hat in seiner Arbeit „Der schnurkeramische Kulturkreis" (Z. f. E. 1906, S. 313 ff.) selbst eine ganze Anzahl von Stationen mit getrennten Hinkelstein-, Rössener und Niersteiner Typen angeführt. Als Beispiele aus Sachsen nenne ich noch die Siedelungen von Kaditsch und vom Pulverturm bei Grimma, von Wetteritz und Draschwitz bei Mutschen, eine der Siedelungen von Cassabra bei Oschatz und von Nünchritz bei Riesa, die sämtlich ausschließlich nur Scherben mit ausgesprochener Spiral-Mäanderkeramik, dagegen keinen einzigen mit Hinkelstein- oder Rössener Verzierung enthielten. Umgekehrt lieferten die Stationen von DresdenLöbtau, Dresden-Reichenbachstraße, Mockritz bei Dresden, eine Fundstelle bei Cassabra und bei Nünchritz und die Siedelung von Günthersdorf bei Leipzig nur Winkelbandkeramik. Allerdings finden sich bei der zweiten Kategorie von Fundplätzen gewöhnlich die Typen der älteren und jüngeren Stufe vereinigt, einfach deshalb, weil letztere, wie weiter unten gezeigt

werden soll, sich ganz allmählich aus ersterer entwickelt hat.

Dürfen wir hiernach für das ganze Fundgebiet die gleichen Kulturperioden als erwiesen annehmen, wie sie für die Rheingegenden durch unmittelbare Beobachtung festgestellt worden sind, so bleibt doch immer noch das Vorkommen aller drei Gruppen an denselben Siedelungsplätzen oder gar in denselben Herdstellen zu erklären. Hinsichtlich des letzten Punktes dürfen wir wohl bei den meisten ein großes Fragezeichen machen. Die Zahl der wirklich fachmännisch untersuchten Stationen ist außerordentlich gering. An den meisten Siedelungsstätten sind die Scherben nur auf der Oberfläche zusammengelesen, oder von Arbeitern aus gelegentlich eröffneten Herdgruben für Interessenten gesammelt worden. Von einer Feststellung der stratigraphischen Verhältnisse, die allein zu einwandfreien chronologischen Schlüssen berechtigen, kann hierbei natürlich keine Rede sein. Aber auch die wenigen Fälle, wo durch fachmännische Grabungen eine tatsächliche Vermengung der verschiedenen keramischen Typen einwandfrei erwiesen ist, entbehren in chronologischer Beziehung der Beweiskraft. Okkupierten die Träger einer späteren Kultur einen von den früheren Bewohnern vielleicht schon vor langer Zeit freiwillig oder erst nach hartem Kampfe gezwungen aufgegebenen Ort, so konnte eine Vermengung der verschiedenartigen Gefäßreste in den Herdstellen naturgemäß sehr leicht eintreten. Auch ist es recht wohl denkbar, daß neben der neuen Kunst, mochte sie durch friedliche Kulturübermittelung allmählich, oder durch fremde Eroberer gewaltsam und plötzlich eingeführt sein, der alte Gefäßstil, dafern nur im letzteren Falle die bisherige Bevölkerung nicht völlig vernichtet oder vertrieben war, noch lange Zeit fortbestand, und daß dementsprechend wirklich Gefäßfragmente beider Kulturgruppen gleichzeitig deponiert wurden. Dann kann es unter Umständen sogar vorkommen, daß einmal ein Vertreter der älteren Kultur seine Hütte über den Trümmern eines jüngeren Hauses errichtete (Schliz, Korresp. - Bl. d. deutschen anthropol. Ges. 1907, S. 164), wie etwa heute ein Neger sich auf den Resten eines deutschen Landhauses niederläßt.

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