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nen Stoffen untermischt. Wie kann es aber eine ernste, einfache, erhabene Musik geben, wenn der Tert buntscheckig, ganz und gar unkirchlich, und nicht selten geradezu abgeschmackt ist? (!!) Von den Neuern hat fast allein unser großer Hán Del ganz begriffen, wie unendlich die edle Musik durch einen edlen Tert gehoben wird, und immer drang er bey seinen geistTichen Oratorien (obgleich sie nicht im Kirchenstyl geschrieben sind. und seyn sollten) darauf, daß ihn sein Dichter durch biblische Worte unterstüßte.« 5. Endlich,« sagt der Verfasser, »muß man auch eingestehen, daß der Verfall der Kirchenmusik mit vom Volke selbst ausgegangen ist.« Und hiermit, scheint es uns, berührt er einen Hauptpunkt dieser so wichtigen und interes= fanten Untersuchung. Er holt indeß weder weit, noch tief genug aus, um dieß auch für so viele andere Fragen wich tige Kapitel der Entscheidung näher zu bringen, doch gewinnt wohl eben dadurch die Frische speziellester Anschauung an Eindringlichkeit und Wahrheit. »Die echte, geistliche Musik ist »weder durchaus mannigfaltig, noch leidenschaftlich, weil ihr Gegenstand einfach und überirdisch ist. Sie seht also ein tie»fes, beruhigtes Gemüth, und eine gediegene Macht der Seele »voraus, welche das Erhabene lange unvermischt tragen kann, und durch die Inbrunst nicht zur weltlichen Leidenschaft fortge»rissen wird. In den früheren Zeiten fand sich überall diese Un

schuld, Einfalt und Kraft. Allein wohin ist man jest gekom»men, nachdem alle Stände durch Lurus, leichte Sitten, Ro»manleserey, Tanzwuth und die weltliche Musik, welche man »überall in Kirchen, Opern und Konzerten zu hören bekommt, so »unruhig, üppig und nervenschwach geworden sind, daß die, »welche die volle Weihe der neueren Künste empfangen haben, »das Große der alten Zeit weder fassen noch halten können?« Die Frage nach Sängern, und besonders nach Zuhörern für das Veredelte, führt natürlich »auf betrübte Mängel, welche man nun einmal nicht läugnen kann,« aber es soll damit nicht ausgesprochen werden, daß an keine Hülfe gedacht werden könne.« Der Verfasser ist bekannt dafür, an seiner Zeit nicht zu verzweifeln, vielmehr ihr etwas zuzutrauen, und »in der That,« fährt er fort, »ließe sich mit leichten Mitteln schon sehr viel bewirken,« und nun folgen sehr verständige und zweckmäßige Wünsche. Die Schilderung der Gesellschaft in den Konzerten ist durchaus treffend dahin gehören dann die Kirchensachen nicht, so wenig wie in das Theater; eben so richtig ist die Beobachtung, daß der besten Privatgesellschaft wißbegieriger Kunstfreunde das fehle, was für das Große wach erhält, es auf die Dauer ertragen macht; er sagt, »Tempel und Gottesdienst fehlen, welche zur Erhebung

der Seele unvermerkt hinführen.« Dabey tritt einem Jeden der tiefste Grund der Sache wohl von selbst entgegen. »Die Kirche »soll man also mit größtem Ernst rein halten!« Am nächsten kommt der Verfasser wohl dem Gegenstande, den er im Auge hat, in folgenden Worten: »Diese musikalische Reinheit der Kirche »aber würde von unendlichem Nußen seyn; denn unsre gut erzo»gene Jugend erscheint gewöhnlich in den Bildungsjahren nur in »den Kirchen gleichsam öffentlich. Bekäme sie also hier ihre er»sten großen musikalischen Eindrücke, so würde dieß für das ganze »>Leben wirken« u. s. w. Sehr schön ist noch der Schluß: »Ge»fühlvolle Menschen, welche die echte Kirchenmusik ganz begriffen »haben, werden gewiß auch die genievolle, veredelte »weltliche Musik in hohen Ehren halten; aber je reiner sie fühlen, »desto mehr wird ihnen jede Mischung widerwärtig seyn« u. s. w. »Niemand kann zween Herren zugleich dienen. Dieß gilt überall, »wo von etwas Tüchtigem die Rede ist, und so auch im Fache der »Musik, welche veredelt die höchste Poesie, und verdorben das »gefährlichste aller moralischen Gifte ist.« Wie mancherley ist nicht hier berührt, worüber den Freunden der Musik eine wesent liche Belehrung zu empfangen Bedürfniß wäre. Wer würde die dabey sich aufdringenden Fragen gedankenvoller auf ihren Grund zurückgeführt, wer sie besser aus der Fülle kunstgeschichtlichen Wissens beleuchtet, und mit wärmerer an den großen Meisterwerken fortwährend genährten - Kunstliebe beantwortet haben, als unser Verfasser? »Veredelt ist also die Musik die höchste Poesie? eine höhere vielleicht als die Poesie, die höchste selbst ?« Wenigstens glauben dieß gar manche. Die Frage wird vielleicht von vielen von Poeten wie Musikern von ihrem besonderen Standpunkte aus als unerheblich - ja ihre Aufwerfung schon als eine Stockung künstlerischer Empfänglichkeit und Produktivität betrachtet. Dem sey wie ihm wolle; es gibt nun einmal eine Art von Menschen, denen das Denken auch in diesen Dingen Bedürfniß ist, und die Erforschung der Natur und Abstammung einer Kunst, die Untersuchung über Endzweck und Gewalt derselben überhaupt, wie einer jeden insbesondere, erfordert auch Produktivität. Schade nur, daß zu einer befruchtenden Aesthetik der Musik vorläufig so wenig Aussicht vorhanden ist. Auch die oben angeregte Frage nach dem ersten Plage unter den Künsten ist, mannigfacher Vorarbeiten ungeachtet, was Musik betrifft, nicht zum Spruche reif. Indeß die Poesie wird wohl — und eben nach der tiefsten und ausgreifendsten Erforschung, den Plaz der Führerin der Schwestern ungetrübt behaupten. Es gefallen sich viele darin, der Musik im Allgemeinen das Beste und Höchste nachzurühmen sie gleichnißweise sehr hoch zu stel

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Ien, im Besonderen aber hat sie wenigstens in Deutschland seit und in ihrer gegenwärtigen Entwickelung, so viel Ref. bekannt ist, sich nicht des Antheils an der geistigen Pflege, wie z. B. Malerey, Bildhauerey und selbst Architektur, von Seiten der ersten Geister der Nation zu erfreuen gehabt. Das muß einen Grund haben und von Folgen seyn! Was ist z. B. Göthe noch jezt für die Malerey! Wie bewarben sich die ausgezeichnetsten Leute in ihrem Fache, um die unter seiner Autorität zuerkannten Preise! Wie ablehnend ist dagegen das Verhalten der Musiker gegen das Urtheil auch der Besten, wenn sie nicht vom Gewerbe find, und muß man nicht in gewisser Beziehung sagen, mit Recht; denn welcher ausgezeichnete Laie hat sich denn von unserer Musik angezogen genug gefühlt, um sich mit den in ihr geltenden Grundgesehen so weit vertraut zu machen, daß ihm ein Urtheil möglich wäre oder zustände? Selbst von dem der allgemeinsten und reinsten Ausbildung seiner Selbst lebenden, von Göthe läßt sich dieß nicht behaupten. Nun vergleiche man, was einem Nichtkünstler (Winkelmann) für eine andere Kunst zu leisten verliehen war! Und wenn wir in unseren Tagen die fast verlorene Hoffnung auf eine neue Epoche der, in Form und Gehalt zur Kunst sich erhebenden, Malerey wieder aufblühen sehen, dürfen wir das bey der Namen Friedrich Schlegel und Tie ck vergessen? Die Musik scheint für solche Einflüsse nicht empfänglich, ihr scheint eine solche wenn der Ausdruck hier verstattet ware außere Anregung nicht bevorzustehen! Worin hat denn dieses wechselseitige Abstoßen seinen Grund? etwa in der derzeitigen Gestaltung dieser Kunst? - Uber nun höre man nur, wie herrlich es lautet, wenn von der hohen, der göttlichen Musika im Allgemeinen die Rede ist, von Shakespeare an bis auf Novalis und die Nachfolgenden herab; es scheint das bey oft eine Verehrung, eine Entfernung, mit einem Worte ein Gefühl zu Grunde zu liegen, welches auf eine hohe, unvergleich. liche und besonders geheimnißvolle Natur der Verehrten hinweist. Vergleicht man die Gleichgültigkeit gegen alle unter uns eben ausgeführt werdende Musik mit der erwähnten Verehrung derselben Leute gegen Musik im Allgemeinen, so scheint es fast als gelte ihre Gunst einem gar nicht Vorhandenen, einem (verschleyerten oder erträumten) Ideale, dem sie dann aber anmuthen, das Sublimste, Geheimste, ja das Beste im Menschen, was noch, nachdem schon alle Schwester Künste die menschliche Natur ausgelegt haben, zurückbleibt, auszusprechen —: das Unaussprechliche eben soll also diese keusche und geheimnißvolle Sprache auszudrücken vermögen. Bey näherer Befragung haben die so Gefinnten denn doch ein Jeder von einem Stück der existirenden sich

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eine Brücke zu jener eingebildeten Musik geschlagen. So weisen z. B. die einen auf die Macht und Dauerhaftigkeit der Volkslieder hin. Finden nun oft unsere Musiker—wir haben dabey die besten im Sinne an solchen nicht Einen musikalischen Gedanken, so enthalten nach jenen diese Lieder gerade durch die Abwesenheit solcher pikanten Wendungen ihre höhere musikalische Natur am wirksamsten. Andere bauen zu jenem Ende auf die Gewalt des Tons an und für sich; wer je die alles übertreffende Macht einzelner Töne an der rechten Stelle und im rechten Augenblicke empfunden hat, begreift es kaum, sagen sie, wie eine Kunst mit diesen und anderen alles bewältigenden natürlichen Mitteln — in ihrer Ausbildung verhältnißmäßig so geringe Wirkung hervorbringt. Und, fügt man hinzu, verdankt nicht die PalestrinaMusik vielleicht die Hälfte ihres Ruhmes der, vorzugsweise auf dieses Element genommenen, Rücksicht? (hiemit stimmt die Bemerkung des vorzüglichsten unter den neueren Schriftstellern über Musik, wonach diese Gattung unter allen die vollkommenste A u sbildung des Tones von Seiten der Sänger erheische) und fommt nicht ein Theil der neuesten, fast überfeinen und detaillirten Musik durch ihre übertriebene, von der Mozartischen keineswegs in dem Grade und der Art erforderte, Anwendung des Piano und Forte, auf etwas ähnliches zurück? - Noch andere und die vielleicht größte Anzahl sieht in der alten geistlichen Vokalmusik am meisten von der transcendenten und spiritualistischen Natur jenes deals. Dagegen ist ihnen die beste heuttägige Instrumentalmusik schon etwas in diesem Sinne Unschönes zu körperlich, malend und leidenschaftlich während sie vom anderen Standpunkte aus das tüchtigste und karakteristischste Kunstwerk seyn kann u. s. w. Sey es nun mit dem allem wie es wolle, so bleibt das wahr: es gibt Augenblicke im Menschenleben, in welchen auch ein kräftiger und edler Geist des Trostes der Erhebung durch Poesie und Kunst nicht mehr fähig ist, wo diesen der Zugang zu dem schon erfüllten Gemüth verwehrt ist, oder dieses selbst doch sie nicht ertragen kann. Das Bedürfniß aber bleibt; hier tritt Musik vielleicht am ersten hülfreich ein, vorsichtig, milde, erhebend, ausgleichend und stärkend. Ein Rückblick auf die vorhandene von hier aus würde eigene Gattun= gen feststellen, und selbst interessante Betrachtungen über das menschliche Herz und seine Eigenheiten eingeben.

(Die Fortseßung folgt.)

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Art. VI. Sammlungen für die Heilkunde der Gemüthskrankheiten. Herausgegeben von Dr. Maximilian Jacobi, königl. Preuß. Obermedicinalrath und Direktor der Irrenheilanstalt zu Siegburg (bey Bonn). Elberfeld, Schönian'sche Buchhandlung. Erster Band (XIV u. 484 S. mit zwey Steinabdrücken) 1822. Zweyter Band (X. u. 426 S.) 1825, gr. 8.

Wie Künste und Handwerke die Unbehülflichkeit, mit welcher sie anfangs ausgeübt werden, nicht eher ablegen, bis ihre verschiedenartigen Verrichtungen unter mehr Arbeiter vertheilt worden sind, so ist unstreitig auch für die Ausbildung der einzelnen Wissenschaften an sich eine immer fortschreitende Theilung der Arbeit überaus förderlich. Indeß stehen doch die verschiedenen Gebiete des Erkennens in weit innigerer Beziehung zu einander, als die verschiedenen Gattungen körperlicher Fertigkeiten. Eine zur spezielle Theilung wird deßhalb der Entwickelung der Wissenschaften schädlich werden können, und dieselben bedürfen eines Mittelpunktes, von welchem aus ihre vereinzelten Thätigkeiten übersehn, und für die Erreichung ihres gemeinsamen Zieles geregelt werden. Dieß nun ist die Aufgabe der Philosophie, und zwar eine ihrer hauptsächlichsten Aufgaben, wenn sie nicht in müßige Spekulationen sich verirren, sondern wahrhaft mit dem Leben in Verbindung bleiben will. Durch ihre tiefere Einsicht in die Natur des menschlichen Geistes und dessen Verhältniß zur Welt wird sie eines unparteyischen Urtheiles über die allgemein - menschlichen Interessen, und einer klaren Voraussicht des, von jeder wissenschaftlichen Bestrebung zu erwartenden, günstigen oder ungünstigen Erfolges in höherem Grade fähig, als die auf diese oder jene einzelne Wissenschaft Beschränkten; und indem sie das ganze Gebiet des menschlichen Erkennens mit aufmerksamem Blicke überschaut, ist sie, auch ohne spezielle Mitwirkung, hier von einem unfruchtbaren Felde die Arbeiter zurückzurufen, dort den Eifer derselben für ein reiche Früchte verheißendes Werk anzufeuern im Stande.

Diese Bemerkungen glaubte Rec. voranschicken zu müssen, theils zur Entschuldigung, daß er, ohne selbst Arzt zu seyn, der Beurtheilung eines der Seelenkrankheitkunde gewidmeten Werkes sich unterzogen, theils zur Bezeichnung des Gesichtspunktes, aus welchem diese Beurtheilung abgefaßt worden ist. Das in der Ueberschrift bezeichnete Buch gehört zu den interessantesten, welche dem Rec. feit langer Zeit vorgekommen sind. Der Verfasser, ein würdiger Sohn des berühmten Jacobi, hat seine Untersuchungen mit einer Ruhe und Gründlichkeit, und zugleich mit einer Vorurtheilfreyheit angestellt, wie man dieselben leider nur sehr selten findet; und zeigt überall eine warme Begeisterung für

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