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duellen Zustande Guten durch den Hang zum Generalisiren getrübt werden kann.

4. Die Befugniß und die Ausübung des Regierens ist in den Händen der Fürsten daher ein Recht, und nicht eine Pflicht. Daß diesem Sah die eben gelieferte Beschränkung erst eine bestimmte Wahrheit verleiht, ergibt sich schon daraus, daß der Verfasser eine Pflicht bey der Regierung nur in so fern findet, als nicht fremde Rechte belei digt werden. Der Landesherr hat aber in sehr viel Fallen auch noch die Pflicht des Vormundes; und dann sind diejenigen, welche er anstellt und benust, um ihm in Erfüllung dieser Pflichten zu assistiren, seine Diener und nicht Diener der Mündel.

5. Gleich wie die Fürsten nicht von dem Volk geschaffen sind; so sind sie auch nicht allein für das Volk geschaffen, sondern vor allem wesentlich aus und für sich selbst; gleich wie die Untertha nen nicht allein für den Fürsten und seinen NuBen vorhanden sind. Gegen diesen Sah kann in keinem Bezug etwas aufgestellt werden, und man möchte beynahe ihn überflüssig nennen; denn weder von der einen noch von der an dern Behauptung kann vernünftiger Weise die Rede seyn.

6. Ein Fürstenthum, sey es auch so groß, daß man es eine Monarchie nennt, ist kein gemeines Wesen, sondern seinem wesentlichen Charakter nach eine Private ristenz, ein herrschaftliches und Dienstverband, ein Hauswesen. Unbedingt diesen Saß zu unterschreiben möchte man billig Anstand nehmen; aber man darf ihm vielleicht beypflichten, sobald er beschränkt wird auf den reinen Patrimonialstaat, oder die unabhängigen grundherrlichen Fürsten. Hier ist der angegebene Charakter so vorherrschend, daß alle übrigen Eigenschaften sich ihm unterordnen, wo hingegen man den Typus des Militär- oder Feldherrenstaats doch wohl untergrübe, wenn man ihn mit dem des herrschaftlichen oder Dienstverbandes oder des Hauswesens identifiziren wollte. Hiemit ist die den ersten Theil des Werkes bildende allgemeine Einleitung geschlossen, und die folgenden Bände liefern die Charakteristik oder Theorie einer jeden einzelnen der vier Gattungen, worin alle Staaten zerfallen. Ganz gemäß dem sehr absichtsvollen Plane des Verfassers machen den Anfang die Patrimonialstaaten, oder die grundherrlichen Königreiche und Fürstenthümer. Denn nicht nur haben die Reiche, welche auf erblichem Landbesih beruheten und von ihm ausgingen welches unterschieden ist von den Länderbesit erobernden Staaten zu allen Zeiten, die uns näher liegen und bekannt sind (die Theo

fratien eines höhern Alterthums kennen wir allen ihren einzelnen Bestandtheilen nach zu wenig) überwogen; sondern auch noch jest bilden in allen Staaten die Bedingungen der Patrimonialität oder des erblichen Länderbesizes einen überwiegenden Bestandtheil, so daß Hr. v. Haller auch gar nicht Unrecht hat, wenn er dazu hinneigt, das Kriterium, oder vielmehr das Wesen des Staats überhaupt in die patrimoniale Grundherrlichkeit zu sehen. Denn wie schwer es uns auch werden mag, die wahre Natur der ältesten Staatenverhältnisse zu ergründen, wie falsch wir die mangelhaften Ueberlieferungen verstehen, und wie sehr wir moderne Vorstellungen in die Erkenntniß des Alterthums hinübertragen. mögen, so viel können wir mit einem hohen Grade von Sicherheit als wahr anerkennen, daß im Alterthum überall einmal eine be deutende Periode hindurch Patrimonialherrschaft und hohes Priesterthum in enger Verbindung bestanden haben. Ueber die Innigkeit dieses Verhältnisses aber, die Grade, in welchen hier die prie sterliche, dort die landesherrliche oder landesväterliche, oder familienväterliche Influenz und Wirksamkeit über die priesterliche herrschten, oder lezterer unterworfen waren, lassen sich keine allgemeine Behauptungen aufstellen; nur die Aufklärung einzelner individueller Verhältnisse läßt sich als die Frucht der Forschungen er warten und leisten. Wenn also die obige Behauptung gegründet ist, und wenn die Militärstaaten sammt den in den freyen Genossenschaften weniger von der Natur und dem Schöpfer der Natur gegeben, vielmehr durch die Menschen und durch deren Fähigkei ten und Neigungen gestiftet sind; so war gewiß mit den ersteren überhaupt anzufangen, und die Rücksicht auf praktische Zweckmäßigkeit brachte es mit sich, hier wieder den patrimonialen Grundherrschaften den ersten Rang einzuräumen.

Der Verfasser verweilt lange bey den Staaten dieser lehteren Art, handelt sie sehr gründlich ab, und beleuchtet ge wisse Punkte, Fragen und Gegenstände, welche auch bey der Betrachtung der übrigen Staaten wieder vorkommen, hier nicht bloß am ausführlichsten, sondern er behandelt sie auch, als wä ren sie sein Hauptthema, so daß bey Darstellung der übrigen Gattungen von Staaten nur vorgetragen wird, wie daselbst sich jene Bestandtheile des Staats modifiziren und welche andere Ges stalt sie annehmen. Dieses sehr richtige und wahrhaft unpar tenische Verfahren hat aber gerade Anlaß zu dem Miß-, ich möchte sagen Unverstande gegeben, welchen wir angedeutet, als das fünfte Hinderniß einer richtigen Würdigung des vorliegenden Bus ches und eines überail beypflichtenden Urtheils aufgeführt ward. Hr. v. Haller, weit davon entfernt, alle Staaten zu unbedingt grundherrlichen Patrimonialstaaten machen zu wollen, hat es in

dem zweyten Bande gerade mit diesen ausschließlich zu thun, und nun ist sein richtiges Verfahren dieses, daß er hier dasjenige Prinzip hervorhebt, welches sich im Patrimonialstaat bauvriáchlich manifestirt, sich die Entwicklung und Darstellung des die andern Staatsformen bestimmenden Prinzips vorbehaltend. Nur das hat er nicht hebl, daß die den Patrimonialstaat charakterifirende Eigenthümlichkeit auch in den Staaten anderer Art mächtig vorwaltet, und daß, damit ein Staat sich vollende, er die Qualitat des Grundherrnverhältnisses mehr oder weniger annehmen músse. Das nun scheinen sehr viele Leser übersehen zu haben, indem sie sich in der Meinung erhielten, Hr. v. Haller behaupte, was er in Bezug auf die Patrimonialstaaten sagt, von allen Staaten. So ist denn mancher aus Mißverständniß entsprungene Tadel entstanden, und so hat sich manche irrige, zum Theil abenteuerliche Meinung verbreitet, welche nicht laut geworden wäre, wenn man besonnener gelesen und den sechsten Band des Werks, welcher von den freyen Genossenschaften han= delt, abgewartet hätte.

Den Verfasser in seiner Darstellung des Patrimonialstaats, so wie des Feldherrn- oder Militärstaats mit der námlichen Vollstandigkeit zu begleiten, welche wir der Einleitung gewidmet haben, müssen wir uns aber versagen, denn unsere Anzeige dürfte dadurch zum eigenen Werke anschwellen. Gewiß wird jeder Leser, der sich mit der Hauptidee des Hrn. v. Haller einmal befreundet, der sie richtig aufgefaßt hat, ungemeine Befriedigung vom Lesen des zweyten und der ersten Halfte des dritten Bandes zurückbringen; denn auch ein Theil des dritten Bandes beschäftigt sich noch mit den grundherrlichen Staaten. Wir bemerkten schon oben, daß unser Autor hauptsächlich beabsichtigt, diejenigen Eigenschaften zu entwickeln, die den Staat zu demjenigen Wesen machen, welches er seiner bestehenden Verfassung nach darstellt, und daß nur selten auf den geschichtlichen Entstehungsgang Rücksicht genommen wird, was auch ganz recht ist. Aber deßhalb bleibt es immer noch eine wichtige und nüßliche Aufgabe, alle Staatseinrichtungen ihrem geschichtlichen Entstehen nach, d. h. den Bedingungen gemäß, zu entwickeln, aus denen sie hervorgegangen sind; allein es ist nicht möglich, jezt hier darauf einzugehen.

Hauptsächlich würde eine historische Forschung nöthig werden, um die Materie von dem Feldherrn- oder Militärstaat, desfen Schilderung die zweyte Hälfte des dritten Bandes enthält, in ihr gehöriges Licht zu sehen. Denn welche Uehnlichkeit mit der Patrimonialverfassung auch entstehen kann, wenn das Verhältniß eines Anführers zu seinen Begleitern und Getreuen, ohne

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alle Rücksicht auf vorher besessenes Eigenthum, zum Erwerb des Grundeigenthums führt, so wird doch immer die dadurch sich bildende Aehnlichkeit nur eine äußere bleiben; und nur tiefgreifende geschichtliche Entwicklungen allein vermögen Aufschluß zu geben über die zahllosen, sich gewöhnlich ganz nahe liegenden Unomalien, welche alle Staatengebilde schädlich durchdringen, in denen die aus Patrimonial- und aus Erobererverhältnissen hervorgegangenen Gründungen und Einrichtungen in unglückliche oder in nicht vollkommen reine Verhältnisse getreten find. Uns scheint der Verfasser fast über die Gebühr beflissen, auszuführen, daß auch der Feldherrnstaat sehr bald die Eigenschaft des Patrimonialstaats annehme. Wir wollen einräumen, daß, wo ein Anführer mit seinen Getreuen Landbesig und Unabhängigkeit erwirbt, nicht die Kriegsgenossen vor dem Feldherrn da gewesen sind, nicht lehtere jenen erhoben, sondern daß entgegengesezte Verhältnisse Statt gefunden haben; es soll die Wirkung von der Geistesüberlegenheit des Chef ausgegangen seyn; allein weil die Herrschaft auf leßterer beruht, möchten wir noch nicht sagen, daß auch sie auf höherer Macht beruhe. Im merhin mag dieser Erwerbungstitel gelten, wir wollen seine Legitimität nicht angreifen; aber sein wesentlicher Inhalt stehet dem der Patrimonial- und geistlichen Staaten, so wie dem der freyen Genossenschaften weit nach, und sind in dieser Beziehung die geschichtlichen Thatsachen, so wie die Kenntnisse des wahren Verhältnisses noch sehr mit Dunkelheit bedeckt. Wir fragen unter andern, welches soll im Generalat die Stellung des Priesterthums zum Staatschef seyn? Die dem frühesten Alterthum nicht fremde Verbindung oder vielmehr Einheit der hausväterlichen und priesterlichen Autorität in einer Person, wofür wir sogar den Ausdruck Patriarchen haben, ist eine natürliche Verbindung, dem höheren Sinn nach, welchen Hr. v. Haller dem Wort natürlich gibt. Aber läßt sich das behaupten von einem mit dem Generalat verbundenen hohen Priesterthum? Schwerlich; denn hier müßte das leßtere aus dem ersteren entspringen, und das kann nicht seyn. Hr. v. Haller selbst bemerkt, daß nicht bloß das Generalat, sondern auch dessen Verbindung mit dem Priesterthum nur selten sey, daher er auch nur wenige Beyspiele anführt, unter andern die Makkabäer. Aber wir bezweifeln, daß das Verhältniß richtig aufgefaßt sey. Ist nämlich einmal die Rede von Ausnahmen; so scheint uns, daß als Ausnahme bey dringendster Noth sich vielleicht wohl auch der Hohepriester bewaffnen dürfe; aber mag das dann sich bildende Verhältniß dem Generalat auch noch so ähnlich sehen, es ist dem Wesen nach durchaus davon verschieden. In wie vielen Fällen wir übrigens

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auch bey der Betrachtung der Militärstaaten von Hrn. v. Haller abweichen mögen; so sehr müssen wir doch den glücklichen Scharfsinn und den richtigen Blick bewundern, welcher ihn den entscheidenden Punkt fast bey allen einzelnen Verhältnissen treffen läßt. Denn indem er entwickelt, wie die Feldherrnstaaten in Patrimonialstaaten übergehen, ein Uebergang, der seiner Ueberzeugung nach durchaus nothwendig ist, kömmt er auf alle die Relationen und Konflikte, welche sich an vielen Punkten bilden müssen, weil sich die Ausflüsse ganz heterogener Prinzipien dort begegnen, und der Geist derselben entgehet seiner richtigen Beurtheilung keinesweges. Uns aber dünkt das entscheidende Moment, worauf es hierbey ankömmt, Folgendes. Jene Leere des Göttlichen, sey es nun der Natur oder der Offenbarung, von welcher wir verschiedentlich sprachen, ist nicht dasjenige Vacuunt, in welches die Militärmacht eindringt, oder welches sie sogar schaffen hilft, und ein gewisses Bewußtseyn, daß dem so sey, muß sie nothwendig von Zeit zu Zeit beunruhigen. Daher wird sie stets trachten, einen Charakter anzunehmen, der bessere Begründung verspricht. Aber indem sie dieß thut, kann sie doch nie sich dazu entschließen, den Charakter als Prinzip aufzugeben, aus welchem sie entsprungen ist. Daher ihr unabläßiges Bestreben, diesem legteren Prinzip, das sie aufgeben sollte, und das fie beybehält, den Charakter der grundherrlichen PatrimonialVerfassungen zu leihen, oder vielmehr solches in die Formen des legteren zu gießen, woraus denn folgt, daß die Einrichtungen der Militärstaaten niemals einen reinen Typus darstellen. Davon liefert den treffendsten Beweis das Machwerk der napoleonischen Einrichtungen, welches allen in früheren Perioden unternommenen ähnlichen Versuchen recht kläglich nachstehet. Jene Versuche früherer Zeiten waren viel kunstvoller unternommen, weit besser gelungen und zuweilen so trefflich geglückt, daß sie beym ersten Anblick zu täuschen wohl fähig sind. Auch Hr. v. Haller möchte diese Täuschung in so weit erfahren haben, als er in mehreren Fällen zu glauben scheint, Feldherrenstaaten wären Patrimonialstaaten geworden, wo wir solches bezweifeln müssen und wo wir behaupten, daß nur zwitterartige Formen erfunden und gebildet werden, die das wahre Wesen der Sache verstecken. Diese sind in allem Betracht die gefährlichsten und verderblichsten, weil sie das Echte durch Unechtes erseßen wollen, und nur zu leicht den Sinn der Menschen betrügen. Dem Forscher macht ihr Verständniß die größten Schwierigkeiten, die Geschichte verdunkeln sie am meisten, und der Anlaß zu inneren Reibungen gehet überall hauptsächlich von ihnen aus. Ihr Prinzip ist weit mehr das Prinzip der Volks: als das Prinzip der Landes

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