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Das natürliche System in der Ethnologie.

Die Ethnologie findet sich mit ihren Bestimmungen in einem Zustande unsichern Schwankens und sie hat es noch nicht vermocht, die Vertrauen erweckende Sicherheit zu erlangen, die erst durch Grundlegung eines wissen. schaftlichen Systemes gewährt wird. Ihre nächste Aufgabe muss daher sein, das Princip einer richtigen Eintheilung zu finden, denn die bis dahin eingeschlagenen Wege, um den bestehenden Mängeln abzuhelfen, sind stets in Sackgassen ausgelaufen, ohne ein aufklärendes Endziel zu erreichen. Der eigentliche Schöpfer unserer neuen Ethnologie dachte dieselbe auf der Basis der Craniologie aufzubauen, und wäre das craniologische Princip für die Eintheilung ebenso ausreichend, als übersichtlich und practisch, so würde es Thorheit sein, nach einem andern suchen zu wollen. Wenn wir die Men. schenrassen mit derselben Genauigkeit ihren Schädeln nach in unsere Fächer einreihen könnten, wie die Kristallographie die gemessenen Kristalle, wenn es möglich wäre, dieselbe Sauberkeit und Schärfe, die die Arbeiten der Mineralogen so vortheilhaft auszuzeichnen pflegen, auch für die Ethnologie zu bewahren, wer würde dann noch ungenügsam sein und mehr verlangen? Leider aber werden wir solch' süssen Träumen entsagen müssen, denn nicht der Kopf allein ist der Mensch und nur ein geringer Theil der Gehirnthätigkeit lässt sich aus der knöchernen Umhüllung ablesen. Als das Lückenhafte in der craniologischen Eintheilung nicht länger zu verdecken war, trat mit hoffnungsreichem Troste die Philologie hinzu, im vollem Gewichte der bedeutungg. vollen Forschungsresultate, die sie jüngsthin selbst erst auf dem Felde der Sprachvergleichungen gewonnen hatte. Mit Freuden begrüsste die Ethnologie diesen schätzbaren Bundesgenossen, dem sie voraussichtlich noch manche werthvolle Hülfe verdanken wird, aber für eine naturgemässe Eintheilung darf sie keiner fremden Stützen vertrauen, sondern muss auf eigenen Füssen zu stehen vermögen. Die Sprache eines Volkes ist der Ausdruck des Entwickelungsganges, die Personification der geistigen Zellbildungen, die im Wachsthumsprocesse der Geschichte emporsteigen; die Spracho gewährt

Zeitschrift für Ethnologie, Jahrgang 1869.

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uns deshalb überraschende Aufschlüsse über die Denkregungen, den tiefsten Einblick in den Nationalcharacter, sie erlaubt uns an der Hand ihrer comparativen Grammatik den alten Verkehrswegen nachzugehen und Statt gehabte Mischungen historisch zu constatiren, aber zu Eintheilungen kann unmöglich ein genetischer Vorgang dienen, der einem unbekannten, einem für uns incommensurabeln, Ende entgenstrebt, und der ebensowenig durch die Willkühr eines Ursprungs verstüinmelt werden darf. Völlig aber verkennen die Philologen die ewige Jugend der im Worte schöpferischen Musen, wenn sie die lebendig frische Triebkraft der Sprachen tödten zu müssen glauben, um aus dem abgestorbenen Holze für jede Menschenrace ein Sprachenzopf zu schnitzen und ihn derselben anheften zu können, so wacklig er nun auch sein mag. Dann weit lieber den abgerundeten Schädel der Craniologie, als solch' einen philologischen Knochenschwanz, um damit die Völker am Schopfe zu fassen und in die Eintheilungsfächer zurecht zu stellen.

Wenn wir die in den beiden Reichen der organischen Natur herrschenden Eintheilungsmaximen überblicken, so zeigt sich leicht, dass die für die Zoologie gültigen am Wenigsten auf die Ethnologie werden angewendet werden dürfen. Von Aristoteles bis auf Cuvier hat im Thierreich die Verschiedenheit der körperlichen Structur zur Grundlage der Eintheilung gedient, anfangs nur der äusseren, dann (seit Ray's Zeit) auch der inneren Kennzeichen nach, und bei der grossen Mannigfaltigkeit, die schon in den vorwiegend vitalen Organnen waltet, können vor solch prägnanten Gegensätzen keine anderen zur Geltung*) kommen. Die Pflanzen zeigen physiologisch einen weit gleichartigeren Bau, und ihre Lebensvorgänge verlaufen im Grossen und Ganzen so sehr unter dem Niveau einer allgemeinen Homogeneität, dass man die Unterschiede bis zu einem gewissen Grade ausser Acht lassen kann und sich durch den Total-Eindruck, wie er durch das Zusammenwirken sämmtlicher Hauptmerkmale hervorgerufen wird, leiten lassen darf (wenn mit dem practisch geübten Auge eines Jussieu begabt). Etwas Aehnliches wird die Ethnologie für ihre naturgemässe Eintheilung der Menschenrassen anzustreben haben, um sich durch die „anima scientiae“ zu beleben, und wie in den natürlichen Systemen der Botanik der Saame, als Endzweck der Vegetation, vorwiegende Berücksiehtigung findet, so erheischt solche in der Ethnologie besonders das Geistige im Menschen in der Psychologie), soweit sich dasselbe aus der Spanne der auf Erden durchlaufenen Kreisbalm für den weiteren Fortgang berechnen lässt.

*) Der Hauptzweck der Systemata naturalia ist eine ungezwungene Vereinigung der am Meisten übereinstimmenden Naturproducte, wie v. Hoevell bemerkt, und obwohl das Streben des Zoologen darauf gerichtet sein muss, solche anzubahnen, bleibt die Ausführung doch noch in weite Ferne gerückt. Die natürlichen Systeme sind weit weniger bequem, als die künstlichen, aber sie müssen doch immer das Endziel bilden auf das man binarbeitet. Den von der Botanik in ihren Systemen angelegten Maaggstab unmittelbar in der Ethnologie zu verwenden, steht indessen eine Schwierigkeit entgegen, die in ihrer Tragweite genau gekannt sein muss, um bedenkliche Irrungen zu vermeiden. Bei den Pflanzen haben wir es mit einem irdischen Natarobjecte zu thun, mit einer Organisation, die während der ganzen Zeit ihrer Existenz in der Entwickelung (in Entwickelung und Rückbildung) begriffen ist, die aber auf Erden zum rückläufigen Abschluss gelangt, so dass wir den Cyclus ihres Umlaufes zu überblicken vermögen. Wir können ung also das Totalbild der Pflanzen nicht nur aus den verhältnissmässig bleibenden und dauernden Symptomen zusammenstellen, sondern auch aus allen den Wechseln und Aenderungen, die sie in der stereotypischen Wiederkehr derselben Phasen mit unveränderter Regelmässigkeit zu untergehen haben. Beim Menschen entgeht uns diese Gesammtanschauung, wir kennen nicht das Ganze, und wir vermögen deshalb auch nicht direct den relativen Werth der Theilganzen zu bestimmen. Die ganze Menschheit wächst gleichsam als Baumheit hervor, zu deren Stamm*) die vielfachen Volksrassen eine exentrische Stellung einnehmen und sich lateral weiter verästeln. Diese beginnen kaum zu keimen, jene stehen in vollem Schuss der Blüthe, Andere sind längst verwelkt, vielleicht schon gefallen und einige mögen wieder ihrer Fruchtreise nahe sein, aber die krönende Blume des Mutterbaumes, das Ziel, dem er entgegenreift, kennen wir nicht, und somit nicht den Abschluss seiner Cirkellinie, da es uns nie beschieden sein wird und nie beschieden sein kann, aus dem Saamen unseres eigenen Menschheitsbaumes einen zweiten gepflanzt und emporwachsen zu sehen. So ist die Verwendung des natürlichen Systems in der Ethnologie eine weit weniger leichte und einfache, als in der Botanik, sie erheischt die Berücksichtigung einer grossen Menge von Nebenumständen, von mitwirkenden Factoren, aber unmöglich bleibt sie bei alledem nicht. Sie bedarf nur einer complicirteren Berechnungsmethode, um ein richtiges Facit zu gewinnen.

Gehen wir auf dasjenige ein, wodurch vor Allem der specielle Habitus einer Pflanze bedingt wird, so liegen zwei, ihren mitwirkenden Werthen nach verschieden abgeschätzte Ursächlichkeiten vor:

einmal die specifische Eigenthümlichkeit der Pflanze**) als solcher (ihr nisus formativus), und dann der Einfluss ihrer klimatisch-geographischen Umgebung. Beide wirken zusammen, denn nicht nur trägt jede Zone ihren characteristisch

*) Um den anthropologischen Stamm von den secundären Rassen zu scheiden, stellte Geoffroy St. Hilaire seine auf Schädelformen gestützte Typen auf, als Grundlage der Rassen, aber an die Stelle jenes allzu einseitigen Eintheilungsprinzipes muss der Gesammthabitus seinen physischen und psychischen Merkmalen nach treten.

** oder des Thieres. Die Beziehungen, aus denen die Erhaltung der Art begründet ist, resultiren aus dem durchgehenden Geschlechts - Gegensatz im Thierreich und ihre unendliche Mannigfaltigkeit in den verschiedenen Typen hat in Wirklichkeit nichts mit den āusseren Bedingungen der Existenz zu thun. (Agassiz).

botanischen Character, der Norden in der Tanne, der Süden in der Palme, sondern auch dieselbe Pflanze kann durch die Acclimatation auf fremdem Boden derartige Veränderungen untergehen, dass man (wie Schübler an der nach Trondhjem verpflanzten Bohne Montreal's bemerkt), zweifeln muss, das. selbe Product vor Augen zu haben. Die soweit möglichen Ocillationen haben ihre typische Spielweite, innerhalb welcher sie hin- und herschwingen.

Wünschen wir nun die aus diesen beiden Grundursachen folgenden Wirkungen zum Gegenstande einer naturwissenschaftlichen Untersuchung zu machen, so werden wir uns bald gezwungen sehen, die erste derselben, die specifische Eigenthümlichkeit der Pflanze als solche, ausfallen*) zu lassen, weil sie sich durch Anknüpfung an einen absoluten Anfang unserer auf relativen Verhältnisswerthen basirten Forschungsmethoden entzieht und in keiner Weise Object derselben werden kann, bis wir später darauf zurückkommen, wenn wir in den Relationen selbst den festen Ansatzpunkt gefunden haben. Auch mag dieser Wegfall um so unbedenklicher geschehen, weil diese vermeintliche Mitursache doch schliesslich nur der Effect der anderen sein könnte und jedenfalls in vorläufiger Hypothese als solcher aufgefasst, als ein seiner Werthauflösung entgegenschendes x in die Gleichungen hinübergenommen werden kann. Zersetzen wir den Saamen, so gelangen wir auf die vier Elementarstoffe, aus deren Zusammentreten wir ihn uns ebenso gesetzlich hervorgehend denken können, wie den Kristall aus dem seinigen, nur dass für das Anschiessen des letzteren terrestrische Kraftentfaltung in polarer Spannung genügt, während bei dem Sprossen der Zelle das kosmische Agens der Sonne (oder doch eine Wärme Manifestation) hinzutreten muss. Ein weiteres Theoretisiren über Gebiete, die noch nicht empirischexperimentell aufgeklärt sind, verbietet die exacte Induction in Untersuchungen, die sich nicht über das Reich der Speculation auszudehnen beabsichtigen.

Wir haben deshalb zur Erklärung des botanischen Habitus bei der Pflanze, als Ausdruck der geographischen Provinz stehen zu bleiben, als ein

*) „Für alle Thiere und Pflanzen (bemerkt Agassiz) steht die eine Seite der Organisation in Beziehung mit der Natur der Elemente, innerhalb welcher sie leben, während für die andere Seite diese Beziehung nicht existirt. Es ist dann eben dieser von den Verhältnissen unabhängige Theil des organisirten Wesens, das den eigentlichen Character, das typische, bedingt. Obwohl die belebten Wesen nicht durch die Tbätigkeit der physischen Welt erzeugt werden, so leben sie doch in dem Schoosse derselben und stehen mit ihr in Beziehungen.“ „Bei den nie deren Pilzen genügt allein eine Veränderung der äusseren Verhältnisse, um mannigfaltige Formen zu erzeugen, die bisher als selbstständige Arten betrachtet wurden“ (Bail). Aus der Urform des Mucor Mucedo entwickeln sich an den Fliegen in der Luft Empusa muscae, im Wasser Achlya prolifera, in der Würze Hormis. cium Cerevisiae. Diodor meint, dass die Erde mit dem Erhärten ihrer Rinde unfähig geworden, lebende Thiere aus Eiterbeulen (gleichsam aus geschlechtslosen Geschlechtsblasen Oken’s) zu erzeugen, obwohl im thebischen Districte Acgyptens noch balb aus dem Boden gewachsene Mäuse 'mitunter gesehen würden. Die Entwickelungstheorie führt Alles auf die grosse Einheit zurück, die allerdings Alles durchwaltet, vergisst jedoch dabei, dass erst mit dem Differenziren dieser Allgemeinheit ein Erkennen überhaupt nur gegeben sein kann.

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